Der beste Freund, den ich niemals hatte II

Hmmmm… also Schaltpläne und Baubescheibung! Bevor man sich die Lektüre antut, fragt man sich doch wozu? Ist das nötig, hat da jemand nach gefragt oder bringt es grundsätzlich Neues? Diese Fragen sind – Spoileralarm! – ganz klar mit »Nein« zu beantworten!

Das gilt nicht alleine für für den potentiellen Leser, sondern ebenso für den Erbauer. Warum also? Was den Erbauer betrifft, so hat eine grundsätzliche Begründung mit dem Begriff »HiFi« erst einmal gar nichts zu tun. Die Lust, sich mit den verschiedensten Materialien und und Arbeitsweisen auseinander zu setzen, die Liebe zu schönem Holz… außerdem war meine Sata minijet 4400 Farbschmeißpistole noch niemals »in anger« angewand worden und das ist ja erst mal schade.

Außerdem tendieren Hobbys wie dieses spätestens nach ein paar Jahren dazu, Dinge als fertig zu betrachten, sobald sie nach dem Einschalten nicht rauchen. Das klingt erst einmal trivial, ist es aber nicht. Abgesehen von der hormonbedingten Freude des »fertigen« Gerätes kommen schnell weitere Fehler dazu: Wieviele Geräte kenne ich ausreichend gut, mit denen ich mein Werk vergleichen kann (und das ernsthaft will)? Gibt es das in China (Thailand, Japan ect.) besser und billiger oder hat sich der Aufwand ausgezahlt, um eine Qualität in bestimmten Bereichen zu erlangen, die von einem Serienprodukt so nicht erreichbar ist? Der manische Selbstbauer wird diese Fragen in jedem Falle mit dem Messer zwischen den Zähnen und dem rauchenden Lötkolben in jedem Falle in seinem Sinne beantworten.

Das ist doch ein schöner Einstieg!

Am Blockschaltbild keine Überraschungen – warum auch? Die Signalumschaltung wird über DIL-Reedrelais praktiziert. Kurze Signalwege, praktisch verschleißfrei und formschön. Da am Anfang nicht klar war, wohin die Reise geht, wurden für die Funktionsblöcke einzelne Platinen projektiert (später kann man ja eine einzige große machen – was man eben so denkt…) .

Vorerst aber hat das den Vorteil, daß erst einmal verschiedene Ideen gegeneinander ausprobiert werden können und die Kosten bei der Entwicklung im Rahmen bleiben.


Mal was anderes: Spannungsverdoppler mit Shuntregler. Die Schaltung fand ich erst mal witzig und sie offeriert gute Daten. Nicht ganz so gut wie diverse Spannungsregler aber gut genug. Die Elkos sind Panasonic EBA mit 50V, 105°C, die waren gerade im Angebot, die parallelen 100nF sind Wima MKS. Die BD139 brauchen einen Kühlkörper und dauerhaft kurzschlußfest ist das Gebinde auch nicht. Diese Abteilung versorgt RIAA- und Linevorverstärker jeweils eines Kanals.


Der Lineverstärker mit seinen 6dB Verstärkung kommt aus einem anderen Projekt und macht, was er soll: + 6dB in Class A. Die Koppelkondensatoren sind Panasonic ECWF/A und sind hier wie auch im Rest des Verstärkers bis auf eine Ausnahme aus klanglichen Gründen durchgehend verbaut. Das kann man gut finden oder auch nicht – ich finde es stimmig!

Mit dem Trimpoti R12 wird das Signal auf 0V gelegt (also so, daß es bei Übersteuerung symetrisch klippt). Daraus könnte man folgern, daß Kondensator C28 eigentlich überflüssig wäre. Tatsächlich liegt der Kollektor von T3 bei richtigem Abgleich auf 0V. Meistens jedenfalls! Das ist aber etwas temperatur- und stimmungsabhängig. Da im Anschluss ein relativ teures Alps-Poti liegt, habe ich den Kondensator trotzdem vorgesehen. Volume-Potis mögen auf die Dauer keinen DC-Offset, auch keinen winzig kleinen.

Die Schaltungen existieren für beide Kanäle getrennt und offerieren bei vernünftigen Layout eine Kanaltrennung oberhalb von 80dB. Großzügige Masseflächen sind immer ein Segen!


Und dann war da noch eine Röhrenschaltung von Evgeny Komissarov, die ich vor Jahr und Tag mal ausprobiert hatte und die sehr erfreulich klang. Nicht, daß ich ins Fach Esoterik abgleiten wollte, aber da flog im Archiv immer noch so eine Schaltung herum, die ich immer schon mal ausprobieren wollte und die wenigstens grobe Ähnlichkeit damit hatte.


Rechts oben beginnt das Ganze mit einem Kapazitätsmultiplizierer (T5, T6, T7) für die Betriebsspannung. Damit wird die Stromquelle T4 und der ganze Rest gefüttert. Für Q1 und Q2 habe ich mir eine Klinikpackung von 2N5087 (Central Semi) Transistoren kommen lassen und nach Rauschfreiheit selektiert. Der 2N5089 ist das Komplement dazu, beide Typen sind erhältlich, nicht abgekündigt und ausreichend rauscharm. Vor den namensgleichen Halbleitern aus Indien oder von Alibaba sei ausdrücklich gewarnt. C4,C5, C6 sind selektierte 2% MKPs von Kermit, C1 ein MKP von Panasonic. Innerhalb enger Grenzen kann man mit R12/150R den Output der Schaltung an das verwendete (MM) Plattenspielersystem anpassen. Bei einem Ortofon M2 „red“ passte der Wert von 150 Ohm sehr gut. Wer ein MC-System betreiben will, nimmt sich halt ein Trafo davor. In meinem Fall war es ein Denon AU-300 LC aus Japan für faire 150€. Dann gehts auch mit einem DL103.

Bliebe also erst mal noch die Frequenzweiche

Auch hier bleibt es überschaubar. IC 1A gibt sein Signal direkt an den Hochtonausgangspuffer weiter. Vor IC 3A liegt ein 4,8 kHz Hochpass erster Ordnung aus C1 und R3. Außer einer Pegelanpassung benötigt der Hochtöner keinerlei Korrektur. IC1 B korrigiert mit Hilfe der Gyratoren IC2 A und IC2 B den Baffelstep (IC2A) und ermöglicht eine Anpassung im Bassbereich (IC2B) an die Raumakustik. Ja, ja… eine Bassanhebung! Im vorliegenden Falle satte +1,5 dB! Dank LME49720 kann auf Koppelelkos verzichtet werden; die Offsetspannungen sind verschwindent gering.

Für den Bass/Mitteltonausgang ergibt sich in der Spice-Simulation folgender Effekt:

Die untere Linie ist der resulltierende Phasengang. In der Spice-Simulation! Real fällt die Korrektur etwas geringer aus.

Betrachtet man die Bassanhebung (oder Absenkung) isoliert, sieht das etwa so aus


Alles in Allem also eine vorsichtige Korrektur. Gegeben durch R5 und R6 sind starke korrekturen auch gar nicht möglich, wer meint, er müsse das ändern, tut das vernünfigerweise dadurch, daß er diese Widerstände ändert (oder P1 und P2). Die signalrelevanten IC1 und IC3 sind LME49720 von Texas Instruments wegen gutem Klang, geringem Rauschen und ihrer Fähigkeit, niedrige Lasten zu treiben. Für die Gyratoren bleibt es bei NE5532N, die für IC1 + IC3 auch denkbar wären; mir gefallen da die LMEs besser. Auch der OPA1612 wäre eine mögliche Alternative, aber da das Gerät nicht nach Messdaten gebaut ist sondern nach Klang, habe ich mich so entschieden.


Und das ist dabei herausgekommen! Die Prototypenplatinen sind natürlich geblieben (Faulheit siegt!) und auf die arbeitsintensivste Weise ins Gehäuse gewandert – nie wieder! Das zu verkabeln war eine Strafe Gottes! Wobei: Das alles auf eine Platine zu bringen, wäre auch eng geworden. Und erst diese geflochtenen, temperaturbeständigen Teflonleitungen… sie schirmen großartig ab, kosten ein Vermögen und hinterlassen dieses unbezahlbare Gefühl, nichts ausgelassen zu haben. Die RIAA-Platine (ganz unten) wird noch einmal zusätzlich durch 2seitig beschichtetes Platinenmaterial abgeschirmt. Brummprobleme hatte ich danach nicht mehr! Vorher allerdings auch nicht. Aber dieses Bauchgefühl! Auch für den Bauch ist der Signalquellenumschalter, der mit Riesengetöse die lautlosen Reed-Relais umschaltet. Aber dieses Boris-Karloff-Gefühl beim Schalten… »Mehr Energie, Igor!« »Ja, Meister!« … das mußte sein.

So sieht es in der oberen Hälfte aus. Ein 225VA / 2x18V Trafo versorgt die 4x20W an 8R Endstufen bestehend aus LM3886 ganz nach Manual. Ich habe mannhaft der Versuchung widerstanden, die Endstufen diskret aufzubauen. Bei der Qualität der LMs wäre das ziemlich dämlich und hätte echte Platzprobleme mit sich gebracht. Bei einer DC-Betriebsspannung von +/- 25 V leisten die Teile gemessen rund 20 Watt an 8 Ohm völlig innerhalb ihrer Spezifikation. Das reicht für den unsozialen Wohnungsbau mit den verwendeten Lautsprechern.

Leistung bei gegebener Betriebsspannung

Das hat außerdem den Vorteil, daß die Schutzschaltung des LM3886 bei »normalen« Lautsprecherlasten praktisch nie ansprechen. Der vorgesehene AMT ist sowieso eine praktisch rein ohmesche Last (4 Ohm) und auch der SPH176 (8Ohm) ohne jegliche passive Weiche oder so etwas, ist ein leicht zu treibender Verbraucher.

Unterhalb des 4fach Finder-Relais liegen die DC-Sicherungen und die Einschaltverzögerung. Auf dem Kühlkörper rechts sieht man noch 2 Thermosicherungen wegen und gegen Übertemperatur. Bei den sommerlichen Temperaturen dacht ich, es wäre vielleicht eine gute Idee (da lag ich falsch!). Am oberen Bildrand sind von links nach rechts die Trafos für die Sicherungselektronik – dazwischen die zugehörigen Schmelzsicherungen -und rechts davon das für die Vorstufe (2x15V – linker und rechter Kanal; wir haben ja einen Spannungsverdoppler 🙂 ). Ganz rechts noch ein Netzentstörfilter. P.S.: Das Photo entstand während einer Bauphase, als noch nicht alle Leitungen in hübsche Bäume gebunden waren. Nicht, daß das technisch von Belang wäre, aber… Das heißt, so ganz ohne Belang nun auch wieder nicht. In einer frühen Bauphase lagen die NF-Zuleitungen für die Endstufen in der Nähe von Trafo und den Netzteilelkos und es brummte doch ziemlich. Bei gleichzeitiger Messung der Störspannung am Endstufenausgang wurde dann die günstigste Wegführung ermittelt bei einer Verbesserung von mehr als 30 dB! Da taten die Teflonleitungen auch gar nicht mehr weh. Das Ergebnis hat mich jedenfalls sehr überrascht.

Bis hierher! Da ich weiß, was am Ende für Lautsprecher daran hängen werden, ist klar, was erlaubt ist und was nicht: Ein AMT im Hochtonbereich vergibt keinen Pfusch und eine Bassreflexbox als Butterworthfilter 4. Ordnung reagiert allergisch auf Phasendrehungen im Bereich seiner Grenzfrequenz. Das Finetuning kann ja bereits am fertigen »Objekt« (sprich Lautsprecher) erfolgen – das hilft und spätestens da wird klar, warum Selbstbau sich doch lohnen kann.

So, das reicht bis hierher und in Teil 3 kommen wir zur Selbsterfahrung »Boxen basteln«

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