Ach, Kinder! Wie die Zeit vergeht. Ein Jahr ist das nun schon her seit meinen schweizer Impressionen. Oder exakter: Seit ich bei Cheffchen gekündigt habe. Ich fand es dann doch nicht mehr so lustig. Der Altgeselle ist wohl auch weg, wie ich vernahm…
Eine neue Arbeit am Staatstheater, aber das ist eine andere Geschichte.
Zurück zum Text. Die allerliebste Funny, mit der ich zusammen photographiere, Musik höre und auch sonst allerlei Unsinn mache, hatte (oh Wunder!) einen Vater, der vor ein paar Jahren starb. Nun spielt der alte Herr in ihren Erzählungen ähnlich wie die noch quietschfidele Frau Mama eine beständige Rolle und über die Jahre kenne ich den alten Herren nun schon recht gut. Lucien war Vertreter einer Elektrofirma und ist in der Welt weit herumgekommen. Afrika, Asien… überall, wo die Grand Nation zu seiner Zeit Kolonien hat oder hatte. Jazz-Fan, Photograph, Kettenraucher, Wein, Weib, Gesang, ein Freund der Fliegerei – Lucien war gemessen an der Zahl seiner Interessen breit aufgestellt. Ein Freund des Lebens.
Aus seinem Nachlass erbte Funny seine alten Schallplatten, Negative der 40er bis 60er Jahre, Bücher, Lautsprecher mit DIN-Buchse und Ramsch und was man eben so erbt. Ein paar der Negative fanden den Weg in meine Dunkelkammer und man staunt dann ja doch, wie weit so ein Mensch herumkommen kann; nicht als Tourist, sondern Lebensgeschichte. In Afrika kommt Funny dann dazu und ein paar Jahre später zwei erwachsene Menschen, die wissen, daß die Erde rund ist. Gerade in unserer Zeit, wo die Flach-Erdler wieder ans Ruder kommen, eine unschätzbare Eigenschaft.
Nun ist das so eine Sache in der Dunkelkammer: Bei Rotlicht steigen Menschen aus dem Entwickler, der Opa, das ist die Mama mit ihrer Schwester, dahinter ein Dampfer, der legt bald ab nach Puducherry, Batavia oder Casablanca. Wenn der zurückkommt, dann hat man einen ausgestopften Albatross im Gepäck, eine Muschel, die wie das Meer rauscht und fremdes Geld, welches beim Bäcker so gar nichts wert ist. Nach der nächsten Reise wird alles besser… Batavia! Lucien vor einer Dassault Mystère IV, auf einem Schrottplatz mit demontierten De Havilland DH.100, etwas Algerien in Uniform – wir alle haben unsere dunklen Seiten. Irgendwann war es gut mit dem Reisen und Lucien konnte sich auf den Jazz konzentrieren, ein Glas Wein mit Freunden oder seiner Tochter Funny bei einer guten Schallplatte von Bill Evans. Französische Erstpressung 1959; das ist schon lustig, sich durch seine Sammlung zu staunen. Jahrzehnte später fange auch ich an, diese Musik zu lieben und zu sammeln. Aber er war sozusagen dabei – das war zeitgenössische Musik! Funny ist damit groß geworden, ich habe enormen Nachholbedarf.
Und nun kam sie so nach und nach mit den Hinterlassenschaften des Vaters an. Seine alten Lautsprecher waren auch dabei und jetzt fängt die Geschichte tatsächlich an. Bang & Olufsen Beofox S35 (weiland angetrieben durch ein Beocenter 4600) und so bekommt Funny für ihre neue Wohnung fürs Erste eine NAD-Vorstufe und meine Dunkelkammerendstufe von mir, bis was besseres… das war vor einem Jahr. Meinen alten Thorens TD125 hatte sie ja schon und auch ein Onkyo CD-Player fand sich. Mit Papis Lautsprechern.
Über dieses Gebinde hörten dann Funny und ich Musik wenn ich ihr Gast war, sonst bei mir mit zeitgenössischen Material, was sie auch sehr schätzt. «Soso, darüber habt Ihr also Platten gehört!» Ok, mit moderner Elektronik, was so ein Fossil klanglich natürlich nicht beeindruckt. Genau so wenig wie ein CD-Player. Es klingt eben massiv nach siebziger Jahre und hat durchaus seinen Charme. Da fängt der Elektroniker und Tontechniker natürlich an nachzudenken.
Funny braucht eine neue HiFI-Anlage!
Das war vor einem Jahr. »Ok, ich baue Dir was«. Und in Gedanken ergänzt mit der Feststellung »…und ich werde mir dabei durch nichts und niemanden reinreden lassen. Vielleicht noch bei der Farbe, aber man kann nur über das diskutieren, worüber man auch redet«. Einfach anfangen und sich überraschen lassen. Klingen sollte es wie ein sonniger Nachmittag in einem französischen Dorf im Massiv Central, einer Flasche Wein auf dem Tisch und den Erzählungen des Hausherren von Afrika. Also wenig von dem, was sich in Leistung, Klirrfaktor und Phasenverhalten ausdrücken lässt. Eher eine Jukebox 1960 in einem Café bei Einbruch der Dunkelheit , wenn jemand »Jonny B. Goode« wählt. Augen zu und die Vorstellung, man stände daneben. Oder etwas konkreter: Lucien wäre mein Gast, wir würden uns eine Platte wählen und zusammen Musik hören.
Also eher gefühlte Entwicklungsziele.
Bei Funny stehen Beofox S35, bei mir unter anderem Visonik David 70, ich weiß also wie das klingt. Also erst mal einen Kasten bauen in dem man Lautsprecher versenken kann. Aus einem Kasten wurden 3 oder 4, 1Weg bis 3Weg, von eleganter Säule, die sich harmonisch in jede Wohnlandschaft anpassen (was bei der zeitgenössischen Würfelung der Sonderangebote von Discountern … ist da von einem Stil zu sprechen? Da wünscht man sich doch Eiche rustikal oder gleich Biedermeier zurück. Da weiß man wenigstens, was einen erwartet.) Einweg wäre schon sexy, aber für ansprechende Ergebnisse muß man unverhältnismäßig viel Geld ausgeben. Außerdem ist Funny meine Klipsch-Eckhörner gewohnt und die drücken wie Disco. Mit Einweg schlicht nicht zu machen. Dreiweg im Stand ist natürlich viiiiiiel zu groß; na klar: Alles ist zu groß, was sich nicht unauffällig im Bücherregal verstecken lässt. Höhe Reclam, Breite Zigarettenschachtel, keine Kabel, kein Verstärker, aber mit Fernbedienung. Dafür heize ich keinen Lötkolben an. Also doch wieder 2Weg.
Irgendwas mit 17cm Bass-Mitteltöner in der 25l Liga, Bassreflex, weil Markenlautsprecher mit entsprechenden Thiele-Small-Parametern für geschlossene Gehäuse leider sehr aus der Mode gekommen sind. »Der Kunde will ja…« Bummsbässe für sein »Heimkino«. Man kann natürlich auch geschlossen, aber dann werden Lautsprecher und Gehäuse eben etwas größer. Man kann aber auch eine Bassreflex in Richtung geschlossen abstimmen und mit REW vorher die zu erwartende Reaktion auf das Wohnzimmer simulieren. Und das sah gar nicht so übel aus; vorausgesetzt, die Kisten verschwinden nicht im Regal und werden frei wandnah aufgestellt. Diese erforderliche freie Aufstellung ließ sich in meinem Falle mithilfe eines ausgedienten Ikea-Bettes realisieren.
Die Lautsprecher änderten sich im Laufe der Entwicklung ein paar Male. Ursprünglich war für den Hochtonbereich eine 30mm-Kalotte von SB-Acoustics (SB29RDC-C000-4) vorgesehen. In meinen Rechnerlautsprechern machen die einen hervorragenden Job und sind ziemlich siebziger Jahre. Aber irgendwie klingen die nach Kalotte und Kalotte klingt grundsätzlich erst mal scheiße. Ich kann mir nicht helfen – ich mags einfach nicht mehr! Egal in welcher Preisklasse: Immer werkelt da eine rundes Stück mit Membran und Schwingspule. Und jedesmal steht im Waschzettel, daß das Ding dieses Mal nicht nach Kalotte klingt. Ja. Und dann komprimiert es dann doch oben herum, weil bewegte Masse und abstrahlende Fläche eine unheilige Allianz eingehen. Ein Magnetostat wäre hübsch, aber dann muß man sehr hoch trennen und die »modernen« Bass-Mitteltönermebranen führen am Ende des Übertragungsbereichs praktisch alle einen Veitstanz auf. Ihre Membranen sind vorbildlich steif, bis sie es eben nicht mehr sind und dann gehts los. Aber wie! Können die alle keine Membranen mehr bauen? Nehmt doch einfach Pappe (wie früher™) ! Der SEAS Excel W18NX001 ginge schon in die Richtung, aber 300€ ??? Und zwischen 3kHz und 5kHz steht dann wieder die Katastrophe an. »A paper cone with a unique Nextel coating ensures smooth frequency response…« mit einem +15dB Höcker am Ende des Übertragungsbereichs bezogen auf 100Hz. Können die nicht oder wollen sie nicht? Ägyptische Papyrusfasern, Kryptonit, total seltene Erden – bloss keine Pappe! Außerdem schwebte mir irgend etwas um die 2000€ Material inklusive Elektronik vor (wo ich dann doch etwas drunter blieb). High-End soll das auch nicht werden, eben eher etwas kuschelig.
Was ist es denn nun geworden?
Low-Tech!
Es sollte ein aktiv-Konzept werden! Also keine Angst vor unterschiedlichen Wirkungsgraden und Impedanzen. Außerdem steht nichts zwischen Endstufe und Lautsprecher, keine Boutique-Kondensatoren, Silberdrähte oder Flachbandspulen für 250€ das Stück. Nur ausreichend solide Kupferlitze.
Weiche aktiv erster Ordnung! (nein, jeder Kondensator und jede Spule ist zuviel)
Bei ca. 90dB/1W/1m Wirkleistung braucht man so gut wie keine Verstärker-Leistung. 20 Watt an 8 Ohm reicht dicke.
Die Vorstufe in diskreter Transistortechnik, oldschool mit mir genehmen (NOS) Material. Die dazugehörigen Endstufen 4 x LM3886 mit gesunder Stromversorgung. In der finalen Ausführung war es bei einem kurzen Test bei knapp 3,5 Watt am Tiefmitteltöner etwa 60 mW am Hochtöner. Und das war schon richtig laut.

Bassmitteltöner ist ein – festhalten – Monacor SPH176 geworden. Und bevor jetzt jemand lacht: Einfach mal ohne alles in eine 20,30l Kiste reinschrauben und Musik hören. Egal, wie die Kiste aussieht (ok – luftdicht kann sie schon sein!) wird dabei etwas hörenswertes herauskommen. Es gibt nicht allzuviele Chassis, von denen man das sagen kann. Beinahe echte Breitbänderqualitäten, zumindest bis 8 kHz. Ab 5 kHz fällt er sanft und ohne Müll zu produzieren in den Keller. Dabei ist er höchst lebendig bei moderatem Klirrfaktor. Ein echter Küchen – Dampfradiokandidat. Ganz so alt ist das Modell nicht, aber fast… der wird seit Jahrzehnten hergestellt und ich habe noch nie jemanden getroffen, der ihn nicht »irgendwie gut« findet. Natürlich hat er bereits viel modernere Nachfolger (die er alle überlebt hat), die alles viel, viel besser können. Aber so einfach, so simpel in der Anwendung ist fast keiner. Wenn man den Blechrand neben der Sicke von unten mit Silikon dämpft, wirds etwas weniger Klirr (und Amplitude) bei 4 kHz.
Der passende Hochtöner zum Fondue ist ein Omnes AMT 50 geworden. Dann also doch Magnetostat. Getrennt wird bei 4,8 kHz, also dort, wo der SPH176 schon deutlich bündelt, was der AMT 50 aber sanft auffängt, da der dort recht breit abstrahlt. Nach oben und unten AMT-typisch etwas weniger, was Refeflexionen von Boden und Decke mindert. Die Firma Omnes gibt es bereits (seit 2 Jahren?) nicht mehr , aber die haben das Teil auch nur in China eingekauft und ihren Namen draufgepappt, baugleiche Exemplare sind problemlos noch erhältlich. Trennfrequenz wie gesagt 4800 Hz mit 6 dB/oct.
Der Witz an der Konstruktion beruht also darauf, den Bass-Mitteltöner solange es geht hochlaufen zu lassen und nur den obersten Teil des Übertragungsbereichs sanft durch den AMT zu unterstützen. Korrekturen durch die Weiche erfährt der SPH im Bereich des Baffelsteps bei ca. 1300 Hz, die durch die Wahl der Frontplatte (Größe & Form) aber sehr zurückhaltend mit etwa -2 dB ausfallen. Alle anderen Korrekturen am Frequenzgang werden durch die Art der Formgebung gemacht.

Bau – und Schaltpläne beim nächsten Mal
