Husum

Es ist gar nicht so einfach, in Husum ein »einheimisches« Bier zu bekommen. Statt dessen irgend ein Möchsgewand auf dem Label, kurze Lederhosen und andere Hofbräuhausromantik. Ein Trauerspiel! Fündig wurden wir in Dragseths Gasthof, die nicht nur dunkles Dithmarscher, sondern auch eine freundliche Bedienung und sehr gutes Essen feilboten, eine in Husum eher unübliche Konstellation. Irgend etwas davon fehlte immer. Sehr schade, dabei ist es doch ein wirklich sympathisches Städtchen.

Die Messlatte hatten Fanny und ich in guter Tradition zuvor im Natusch in Bremerhaven wieder sehr hoch gehängt – ein Abstecher, den ich mir nicht nehmen lassen wollte. Aber das Essen im Drageths fiel nicht wirklich ab gegenüber dem Natusch; »fine Dining«, wie ich mir Tage zuvor von meinem Töchterlein hatte erklären lassen und dem Vorsatz, diesen überflüssingen Begriff sofort wieder zu vergessen. Daß das Natusch den von mir so geliebten »Geheimrat J.« und das Dragseths »Dithmarscher dunkel vom Fass« hatte, war natürlich fein, aber bestimmt nicht Sinn und Zweck dieses Begriffes. Es handelt sich dabei wohl eher auf den Hinweis, daß man dort mit Messer und Gabel isst, soweit ich das verstanden habe.

Obwohl wir eigentlich weniger aus touristische Gründen in Husum weilten (ja, ja… Urlaub war es nebenbei auch!) waren wir natürlich ebenso Touristen wie die anderen Sommerfrischler auch. Eigentlicher Zweck unseres Besuches war die Abholung von Fannys neuer Kamera, einer Hasselblad 500 C/M und auch für mich fällt eine zweite Mamiya RB 67 mit so vielen Optiken ab, daß ich jetzt alle Brennweiten vom 40mm – 250 mm sozusagen in Zehntimeterabständen habe. Auch das ist fein! Fannys »Neue« darf seither des Nachts auf einem Extrakopfkissen neben ihr schlafen, während die Mamiya aus Platzgründen im Koffer bleibt. Tagsüber vergleiche ich schon mal 500 C/M vs. RB67, aber die Mamiya ist mir dann doch lieber. BMW R69S gegen Brought Superior.

Nun ist mir bereits bekannt, daß Kameras als Hardware lediglich dazu da sind, den Film zu halten und darauf zu achten, das nur Licht aus den dafür vorgesehenen Öffnungen auf selbigen fällt. Auch die Gläser davor machen keine Bilder – das ist bis auf weiteres immer noch ein Mensch (bis zu dem Moment, wo irgend eine künstliche Intelligenz beim Anblick einer Mietzekatze auf Dauerfeuer stellen sollte). Aber das ist noch unbestätigte Zukunft – bis dahin sind Fanny und ich schwer im Trend, wenn wir auf Film knipsen und nicht auf Instagram oder Facebook. Man merkt es an den Preisen für gebrauchte Keller- und Dachbodenfunde. Man »informiert sich« auf Ebay oder bei jemandem, der sich total gut auskennt und die Preisvorstellungen für den Schrott reichen dann schlagartig von »unverschämt« über »grotesk« bis »offen kriminell«. Glücklicherweise habe ich mich bereits vor Jahren mit allem (aber auch wirklich allem) eingedeckt, bevor das Trend wurde – Fanny noch nicht, aber der Deal geht über meine Familie und eine professionelle Photographin, weswegen alleine das Zeiss Distagon 40mm 4.0 CFE aus dem Konvolut auf dem schwindelfreien Markt mehr als das Doppelte kostet als Fanny für die gesamte Ausrüstung bezahlt. Da bleibt noch was zum Essen gehen übrig! Und beim zweiten Glas Wein wird ihr dann auch langsam klar, was sie da für einen Deal gemacht hat. Dank Drageths Gasthof gibts zur Beruhigung noch eine Linie – ein schöner Tag!!

So wandert es sich am nächsten Tag auch sehr entspannt mit einer Hasselblad und 120mm Makro um den schönen Hals (also nicht dem meinen) und nicht einmal die Fahrradfahrer können das Bild trüben, wenn sie im Restaurant in Begleitung ihrer Fahrzeuge ihre Bestellung aufgeben. Als wäre die dabei getragene »Funktionswäsche« nicht schon unappetitlich genug – setz dich hin, iss deinen Matjes und spül es mit einer Mineralwasserschorle runter. Ist der Hering (Clupeiformes) eigentlich das Wappentier Husums? Ich muß das dringend nachschlagen, wenn ich wieder zu Hause bin! Selbst der Morgenkaffee in dem netten Café vor der Ferienwohnung schmeckt irgendwie schuppig. Seit dem Zusammenbruch der Nachfrage von Fastenspeise muß der Husumer seinen Hering alleine verputzen. Kein Brötchen ohne Fisch, kein Kuchen und keine Bratkartoffel. Oder ist der Grund für das Übermaß an süddeutschem Bier in Husum das Ergebnis eines Tauschhandels (im Süden der Republik sind ja noch höchst eigenartige Gebräuche und Riten zu beobachten; und wenn das Kloster mal fastet statt zu brauen, brauchen die Mönche Speisen).

Flieht man vor diesen Merkwürdigkeiten in Richtung »Industriehafen«, so liegt drohend die Flottet der Heringsfänger an der Mole. Was dem Trump sein Flugzeugträger, das ist dem Husumer der Kutter. Immerhin haben sie noch welche, die sogar auf Fisch fahren. Ganz im Gegensatz zu den Pappmaché-Attrappen in Strahlsund letztes Jahr. Schönstes Kamerafutter und die Matjesbrötchen sind auch viel besser.

Ob ich die ganze Zeit am Fressen war?

Ja, irgendwie schon.

5 Gedanken zu „Husum

  1. Wenn der Morgenkaffee „schuppig“ schmeckt – egal wo – hat man die Nachtruhe zu früh abgebrochen. Es kann aber auch jene Einstellung sein, die andere Leute behaupten lässt, dieser oder jener Verstärker/Lautsprecher/Player klinge „muffig“.

    Schön, dass es hier nun endlich mal wieder was zu lesen gibt – und dann gleich was über Husum, ohne ein einziges Mal einen gewissen Storm zu erwähnen.

    Nein, nicht den mit dem shit.

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    • Moin Götz

      Ja, das ist eine lange Geschichte, die von Lustlosigkeit und einer verbrannten Festplatte maßgeblich geprägt ist! Passworte, Texte, Bilder, Adressen… mir gings gar nicht gut. Und der feste Vorsatz, gelegentlich Backups zu machen!
      Bei dem Morgenkaffee würde ich Dir ja recht geben, wäre da nicht dieser permanente Heringsduft gewesen, der stellenweise den natürlichen Sauerstoff vertrieb – jeder, der schon mal bis zur Hüfte in Bluejacks gestanden hat, weiß, was ich meine!
      Und um urdeutsche Dichter haben wir einen großen Bogen gemacht. »Hier haben die Großeltern gewohnt, hier hat er sich in der Nase gebohrt und dort sinnend auf die See geschaut«. Bei aller Liebe zu Storm… Statt dessen habe ich versucht, Fanny die Feinheiten der norddeutschen Sprache näher zu bringen. Ihr erstes überzeugend vorgetragenes »Moin« beim Bäcker mit unüberhörbarem französischen Akzent war ein Genuß! Ja, das geht, selbst bei dieser »Silbe«. Sie selbst bemerkte zu Recht, daß es sich dabei ja wohl eher um eine Klingel auf dem Tresen handelt und keinesfalls um so etwas wie »guten Morgen«. Wir kommen voran: An »etwas achterlicher als dwars« arbeitet sie noch.

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  2. Moin

    Husum ist aber schon sehr weit im Norden und noch weiter als wie Wacken;-) Ihr hattet da hoffentlich eine schöne Zeit.

    Bei den Mondpreisen für analoges Fotozeug kann man echt nur mit dem Kopf schütteln und selber habe ich da bislang bis auf die Käufe in einem großen Online-Portal auch meist Glück gehabt. Ein zweiter Body der EOS 50-E kam aus den Händen einer Lokalreporterin zu mir, die komplett auf digital umgestiegen ist.

    Eine Praktica MTL 50 mit dem 1.8/50; 2.8/29 und 2.8/135 nebst batteriebetriebenem Systemblitz plus Streuscheiben im quasi Bestzustand und originaler Ledertasche habe ich auf einem umfunktionierten Viehmarkt hier in der Gegend erworben. Da bin ich drumherum geschlichen und habe mich wegen der bekannten Preise gar nicht zu fragen getraut, bis meine Holde gesagt hat, ich soll aufhören zu nerven. Der Anbieter war aber tatsächlich ein Privater und kein Höker und seitdem habe ich das ganze Set für einen Fünfziger in meinem Regal. Das passiert garantiert nicht gleich wieder und gerade das eher verrufene 29er macht mit schöner Mittenschärfe in geiles Katzenaugen-Bokeh bei Offenblende.

    Mittelformat wäre auch nett, aber da reichte mir das mal Probieren, wie sich so eine Mamiya oder Hasselblad anfühlt. Ständig würde ich das vermutlich nicht nutzen, weil wegen Transport, Platz, Gewicht und so. Das Gerappel auf dem Mopped ist sicher nicht zuträglich und auf dem fahrrad will ich das erst recht nicht mitschleifen.

    PS. Die Effe brummt und die Emme knattert und sind wohlauf. Uns geht es auch gut. Leider mussten wir nur unseren Kater im Frühjahr einschläfern lassen und sind jetzt bis auf den leidigen Broterwerb wirklich „frei“. Aber das reicht ja auch noch.

    Viele Grüße
    Thomas

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    • Moin, Siewurdengelesen

      Ja, vielen Dank – es war herrlich! An Wacken sind wir vorbei, aber das war ja noch vor der Schlammschlacht 🙂

      Ja, und nicht nur wegen der Mondpreise macht es keinen Spass mehr irgend etwas zu kaufen. Man ist ja neuerdings umzingelt von Fachleuten – nehmen Sie dieses Stück Altmetall (Selten, Rar, gesuchtes Sammlerstück, die Kodak Instamatic 50! Ist geprüft, keine Geräusche, wenn man sie schüttelt). Und dabei immer dieses Suchen des Verkäufers im Gesicht des Käufers auf der Suche nach untrüglichen Anzeichen des Irrsinns. 200, weil Sie es sind… und noch 50 drauf und ich würde mich unter Schmerzen von diesem wunderbaren Tragegurt (wurmstichige Kordel von Mutters Gardine) trennen! Die wurde ja viel als Pressekamera; wissen schon, damals als man noch direkt Bilder in der Zeitung hatte… Ansel seelig hätte sich die Finger danach geleckt – war ja ein ganz toller Typ, obwohl: Immer nur Berge, Berge und wieder Berge

      Mittelformat ist nicht nur »ganz nett« – es ist der Einstieg in Film-Photographie! Anfühlen tun sich die beiden sehr unterschiedlich. Die Hasselblad ist leicht und handlich; meine Nikon F100 mit 85mm/f=1.4 ist deutlich schwerer, der gefühlt umbaute Raum in etwa gleich groß. Man braucht beider Hände, um sie zu bedienen und in die Hosentasche passt das nur bei sehr seltenen Hosenmodellen.
      Die RB67 hat einen Gusseisencharakter (und Gewicht) und fühlt sich am wohlsten auf dem Stativ. Irgend ein Witzbold hat mal einen seitlichen Tragegriff dafür vertrieben und ich besitze sogar einen originalen Tragegurt für um den Hals hängen – auch das eher eine Witzzeichnung.
      Die Ingenieure beider Kameras hatten vor, dieses eine Mal alles richtig zu machen und das ist ihnen auch gelungen. Der Unterschied ist charakterlicher Art. Wie ich in meinem Text andeutete, gibt es wenig Unterschiede zwischen Kameras und Objektiven. Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem, was verschiedene Kameras ausmacht: Sie gibt dir ein Tempo vor, einen Groove, eine Arbeitsweise. Deswegen habe ich meine Mamiyas und Fanny ihre Hasselblad. Mit der Hasselblad kannst Du herumwirbeln wie mit einer Kleinbild (»Vollformat«), jeder Knopf ist da, wo man ihn erwartet, funktioniert, wie er sollte. Die Zeissoptik… als ich die ersten Negative entwickelte, dachte ich… Bokeh haben die anderen, Zeiss hat einen Zauberstab. Wenigstens das Makro Planar 120 CFE 4.0, aber die anderen sind auch »nicht schlecht«. Sieht man historische Aufnahmen eines Photographen mit einer Hasselblad, hat er in der Regel das Achtziger draufgeschraubt, das hat schon seinen Grund. Dann ist die Kamera geradezu winzig, verschwindet in deinen Händen! Die ist nicht groß. Und der Photograph kann sich unter den photographierten bewegen, ohne daß er auffällt. Eine märchenhafte Kamera.
      Die Mamiya ist völlig anders. Es ist eine Maschine und will auch gar nichts anderes sein. Das beginnt mit ihren Geräuschen; sie macht Krach. Das muß man schon mögen. Dem Ffffffflup, klapp der Hasserlblad setzt sie ein energisches KLAPPPP, sirrr, klick entgegen. Jeder Handgriff an der RB produziert eine Geräusch, eine klare Rückmeldung über das was du gerade tust. »Erträglich« ist sie nur auf dem Stativ. Damit macht man andere Bilder, nähert sich Menschen und Dingen anders. Dieser stationäre Apparat will anders behandelt werden, du selber behandelst das was du photographierst anders; wenn du mich fragst: Mit mehr Respekt und mit mehr Zeit. Sie braucht Zeit, ich brauche Zeit. Diese Kamera hat mein Bild der Welt verändert. Mein drittes Auge. Eine Liebesbeziehung (und mein 180mm/4.0 Secor C halte ich für genau so gut wie das Zeiss. Nur wenn man die beiden Trümmer mal in der Hand hatte, betrachtet man alle Kleinbildobjektive mit etwas anderen Augen)

      Mit der Hasselblad ist man zum Mond geflogen. Mehrmals und ohne mechanische Probleme. Dagegen ist Kettenkarussell eine Sommerwiese.
      Die RB reist vorzugsweise im Tankrucksack, der Eisenhaufen auf dem Eisenhaufen… schon sehr vom gleich Schlag und Korn. Man kann, wenn man will – die Kameras sind dabei nicht ausschlaggebend. Die sind stabiler als die Benutzer!

      Das mit Deiner Mietzekatze tut mir sehr leid! Dann müßt Ihr Euch eine neue kleine holen und sie liebevoll aufziehen – da haben beide Seiten etwas davon.

      Morgen gehts für 2 Tage in die Schweiz – mein Chef ist so froh und dankbar, daß es einer macht! Ich soll nur nicht in der Schweiz zu Mittag essen, daß wäre ja so furchtbar teuer! Mein Frau fragte nur, ob ich in Aesch in der »Sonne« essen will oder ob ich mir schon etwas anderes ausgeguckt hätte. Sie kennt mich halt länger 🙂

      Halt die Ohren steif und liebe Grüße,

      Daniel

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      • „Morgen gehts für 2 Tage in die Schweiz“

        Hihi – da geht´s ja knapp bei uns vorbei;-)

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