Am Besten nicht Neues

…kalauerte Werner Fink 1967 im ORF. Das nimmt man sich doch gerne als Motto, auch wenn es – je nach Lebensumständen – schnell zum Fluch werden kann.

Nach gut 30 Jahren selbstständig im Rock`n`Roll kam Corona und damit der Umbau einer ganzen Branche, der bis heute nicht abgeschlossen ist. Mein Steuerberater und ich stellten fest, daß sich die Zeiten geändert hatten, womit die Menge der Trauernden bereits vollständig beschrieben ist. Die Kunst fand vor irgendwelchen Video-Kameras statt. Wenn schon Lifekonzerte, dann bestimmten Provinzpolitiker und Hobbyepidemiologen Ablauf und Programm. Wer erinnert sich nicht erschrocken an die Problematik, wieviele Meter die Tröpfchen einer Trompete oder Posaune geschleudert werden konnten, wenn das Orchester »oh, du schöner Götterfunken« intonierte? Also die Musiker mindestens 25 Meter voneinander trennen, was bei jedem Kirchengebläse den Platzbedarf eines Exerzierplatzes mit sich brachte. Von der immerhin endlichen Geschwindigkeit der Schallwellen an sich (ca. 345m/sec) einmal ganz abgesehen. Vom »timing« einer solchen Kapelle konnte man nur als Deutscher sprechen, der von Kindesbeinen an gewohnt ist , auf die »Eins und etwas…« die Patschehändchen zu klappern. Ahnungslosigkeit gepaart mit diktatorischem Eifer der dunkelsten Provinz.

Ich mußte mich also nach einer neuen Arbeit umsehen.

Ich suchte, ich fand gegen 2022 zum Theater. Eigentlich hatte ich mich ja auf eine Stellenanzeige beworben, aber der dafür Verantwortliche (»M«) war kurz nach Ausschreibung der Stelle in den verdienten Jahresurlaub gefahren und so passierte erst einmal gar nichts. Also schwang ich mich auf die Yamaha und fuhr dorthin, um mal zu sehen, ob es Laden überhaupt gab und gegebenfalls mal reinzuriechen. »Guten Tag, hübsch habt ihr es hier«, » Wir bauen gerade eine Produktion ab, nö, der Oberguru ist nicht da, weiß auch nicht wann der wiederkommt…, nö, von einer Stellenanzeige wissen wir nichts«. Na gut, sehr schön und wenig aussagekräftig, aber da lag reichlich Zeug auf dem Bühnenboden und mußte offensichtlich verschwinden. Also Kabel wickeln wenn man schon hier rumsteht. Die Podeste weg, die Lampen einsortieren – was man eben so macht. Irgendwann kam jemand in den Saal, der sich wenigstens theoretisch für meine Bewerbung interessierte und ich hatte – listig, listig – Lebenslauf und Trara ausgedruckt in der Jacke. »Ah, in einem marxistisch-leninistischen Kollektiv in Berlin gearbeitet !…« Gut, das ist jetzt lockere 40 Jahre zurück, interessierte aber erheblich mehr als jahrzehntelange Berufserfahrung.

Der Kaffee war gut und das Personal schon mal freundlich. Das wiederholte sich einige Male, ohne daß sich ein tatsächlich Verantwortlicher sehen ließ. Aber auch der schönste Urlaub hat einmal ein Ende und D. bemerkte eines Tages, ich solle mal zum Bewerbungsgespräch nach oben ins allerheiligste Büro.

Was ich denn so gemacht hätte? Im Laufe des Gesprächs zeigte sich, daß meine Bewerbungsunterlagen wohl ihren Weg ins /dev/null gefunden hatten. M. hatte nie auch nur eine Zeile davon gelesen und war wohl streng genommen auch wenig daran interessiert. Da ich aber faktisch bereits an seinem Theater arbeiten würde, müßte ich der Ordnung halber noch einen Wisch mit Namen, Adresse und Kontonummer ausfüllen, Probezeit, Maskenpflicht blah, blah, blah – ich war am Theater! So einfach geht das manchmal im Leben.

Es begann ein wunderbares Leben mit regelmäßigem Einkommen an einem Theaterchen in der Provinz. Technisch überschaubare Probleme und ein Intensivkurs in politisch korrekter Grammatik. In Ersterem konnte ich glänzen, in den weltanschaulichen Disziplinen lag ich eher auf einem der allerletzten Plätzchen. Aber da auch ein Theaterchen am Rande der Welt mit handfesten Problemen wie defekten Lampen, erbarmungswürdigem Beschallungsmaterial und klemmenden Feuerschutztüren zu kämpfen hat, die den Theater-Alltag weit empfindlicher stören als der nachlässige Gebrauch von Substantiven und Pronomen, war ich bis auf Weiteres erst einmal wohlgelitten. Ein Aufgabenbereich von ausgefallener Heizung über rieselnden Putz, fragwürdiger Zuverlässigkeit von Elektronik aus dem frühen Germanium bis hin zu wackelndem Gestühl. Es wurde nie langweilig. Und da war dann ja auch noch die heere Kunst, um die es eigentlich ging. Von grottenschlecht bis zu Tränen gerührt war alles dabei und es fühlte sich beinahe an wie im Rockǹ`Roll. Die überflüssigsten Künstler mit den höchsten Ansprüchen (»Nein! Du bist hier nicht bei der BBC!«) bis zu den wirklich wertvollen, die man zu ihrem Glück (dem Gebrauch der realen Möglichkeiten) geradezu zwingen mußte.

Ich hatte begonnen, mich allen Ernstes wirklich wohlzufühlen und meinen Platz gefunden zu haben.

Nun sollten die Alarmglocken laut bimmeln, wenn ein Theaterchen mit einer Handvoll Sitzplätze und einer Finanzierung ausschließlich über Fördergelder mit dem Gedanken liebäugelt, ein »zweites Haus« am anderen Ende der Stadt aufzumachen. Unabhängig von der vollkommen unerwarteten Erkenntnis, daß man für eine zweite Bühne einen zweiten Satz Technik benötigt und daß man das nicht aus der Halbierung des vorhandenem Materials gewinnen konnte und davon, daß man bei laufendem Spielbetrieb nicht alle Techniker (immerhin 4 Personen) zu Planung, Aufbau und Umzug abziehen kann. Der Rest der »Planung« bewegte sich auf ähnlichem Niveau und man hält es nicht für möglich, mit welchem Maße an Ahnungslosigkeit Menschen mit der Lebensperspektive anderer spekulieren; na ja, vielleicht außer bei VW, BMW, Opel, AFD und einem Haufen Ampelmännchen. 

Auf die Frage der Geschäftsleitung, in welchem der beiden Häuser ich in Zukunft gerne arbeiten würde, kam für mich nur dasjenige in Frage, bei dem ich die tropfenden Wasserhähne und behördlichen Meckereien bereits kannte. Man hatte mit dieser Antwort gerechnet oder sie erhofft. Scheiß der Hund auf Pronomen – der Kerl kann Hausmeister, Reparaturbetrieb, Licht&Ton und Personalplanung! Es begann die (vermutlich) schönste Zeit meines Lebens! Ich leitete für ein halbes Jahr ein Theater! Aus den Augen, aus dem Sinn – im »zweiten Haus« stieg die Zahl des Büropersonals exponentiell; es waren wohl so um die 30 Telephondesinfizierer, deren Gesichter, Funktion und Namen ich größtenteils nicht kannte. Egal! Niemand kümmerte sich darum, was in dem alten Theaterchen geschah. Das geplante Programm lief weiter, ein gelegentlicher Anruf, ob das Malitape noch reichte oder die Ecke im Foyer schon gestrichen wäre, das war in groben Zügen mein Kontakt zur Außenwelt. Es gab allen Ernstes die Situation, daß die Frau, die die laufenden Gastspiele buchte, eines Tages vor der Tür des Theaters stand – wir hatten uns 3 Monate nicht gesehen – und ich sie ziemlich sprachlos mit »schöne Frau« ansprach. »Ob ich sie wiedererkennen würde?« fragte sie. Sie hatte eine andere Frisur, war umwerfend gut gekleidet und ich hätte sie sie ohne Nachfrage sofort in ein gutes Restaurant meiner Wahl entführt… Oh je, einer dieser Gelegenheiten, in denen man sich in Sekundenbruchteilen verliebt!

Aber sie arbeitete ja am anderen Ende der Stadt, Lichtjahre entfernt auf einem Planeten, in dem allein die Kosten für den Strom der Bühne pro Monat »mein« Theaterchen ein halbes Jahr finanziert hätte. Ein stark defizitäres Restaurant (»knackiger veganer Imbiss«, Nährschleim) hatten sie dort auch und automatische Türen, die sich bei Sonnenlicht nicht öffneten und einer Klimaanlage, die ein bemerkenswertes sowie teures Eigenleben an den Tag und Nacht legte. So süß und begehrenswert konnte man gar nicht aussehen, als daß es mich dorthin verschlagen hätte.

Das Jahr 2023 ging zu Ende und zu Weihnachten legte man allen Beteiligten einen Brief unter den Weihnachtsbaum – Überraschung, Überraschung! -, daß die unmittelbare Pleite dieses fragilen Gebildes der Theaterlandschaft unmittelbar bevorstände. Ich selber hatte dabei noch Glück, daß ich Anfang Februar einen Arbeitsunfall hatte, der mich für 4 Monate aus dem Rennen warf. Zwar »vergaß« man in der Panik, dieses Ereignis der Betriebskrankenkasse mitzuteilen, aber das konnte ich Monate später geradeziehen. Schwein gehabt, da die Krankenkasse mein Gehalt länger zahlte als der Insolvenzverwalter. Es gab sowieso nur noch einen Insolvenzverwalter, so allmächtig wie eine heidnische Gottheit. Der ehemalige Hausmeister des »neuen Hauses« mutierte zum Geschäftsführer (kein Witz!), der ehemalige Chef nahm sich seinen »Burnout« und die Kompanie der Telephondesinfizierer waren mit Stellensuche beschäftigt. Ich habe von niemandem bis heute auch nur einen Ton gehört. Verschwunden, von der Erde gefegt oder in neue Projekte verwickelt.

Mein Duspol ist dort geblieben. Den Rest von meinem Privatzeugs konnte ich retten, meine Liebe und meinen Optimismus leider nicht.

Dann nahm ich erst mal meinen Urlaub. Bremen und Bremerhaven – ich habe zum ersten Mal im Natusch gegessen; das stand seit Jahren auf meiner Liste. Zu Recht, wie sich herausstellte – danach kann man nirgendwo mehr essen, weil einem alles fade und langweilig erscheint. Dann ein paar Tage Dänemark und eine Woche Stralsund ( und das äußerst empfehlenswerte »zum Scheele«).

Neue Platten: Reichlich! Miles Davis »Birth of the Blue« (ist schon raus!), analog Productions, »Scrabin, Tschaikovsky« Boston Symphony Orchestra unter Claudio Abbado, deutsche Grammophon (kommt im Februar), und ganz viel Jazz.

2024: Es reicht!!

Aufgaben für 2025: Mein kleines Plattenregal ausbauen. Man wird ja bescheiden.

 

 

3 Gedanken zu „Am Besten nicht Neues

  1. Jepp Natusch 100% agree! Und der Kutter der scheinbar aus dem Restaurant chrasht ist auch schön anzusehen.

    Seit den 1990er kann ich nur sagen das die Qualität auf gleichem level geblieben ist.

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  2. Bei dir ist wenigstens was los, Glückspilz!

    Mich treibt bei derlei Geschichten noch immer die Frage um, auf welcher Seite der Mauer ihr Ort belegen ist.

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