Wunder des Internets! Man muß sich nur informieren und alles wird möglich.
Ein Bekannter von mir mag die Art und Weise wie man bei mir Musik hören kann und das will er nun auch. Sein Weib hat noch 3,4 Schallplatten und die möchte sie gerne mal wieder hören. Der Bekannte, soviel sei gesagt, hat gar nichts außer einem Fernseher, der zur Zeit gegen ein etwa bettlakengroßes Möbel ausgetauscht wird. Das wiederum hängt an einem Terminatorarm an der Wand; ein ästhetisch durchaus diskutables Arrangement, aber es ist halt der Fernseher und da müssen schon mal Design-Kompromisse gemacht werden.
Anforderungen an die angedachte HiFi-Anlage: Viel Holz, »wertiges« Design bei bester Verarbeitung, »Geheimtip« in Sachen Qualität und natürlich billig! Da mag der Fernseher kosten was er will – das spart er dann beim Ton!
So waren dann auch meine Kaufempfehlungen. Einen gebrauchten Rega P1 mit einem Ortofon M2 Red (der Rega hat seine Macken, aber die sind bekannt und leicht zu beheben), einen Cambridge Audio AXA 35 Vollverstärker und eine paar Lautsprecher von Acustic Energy AE100². Das wäre gebraucht mit etwas googeln für zusammen etwa 800 Euro zu schießen und ein guter Start. »Nein, darunter würde ich nicht gehen, und Nein!, der uralte Verstärker aus dem Keller tut es nicht mehr!« Da kämen noch die Kosten für ein stabiles Wandregal dazu, auf dem der Plattenspieler mit einer Steinunterlage sein Zuhause findet. »Und auch nein, das formschöne, aber wackelige Ikea-Regal (bereits vorhanden) ist keine Alternative)«.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Beide arbeiten, sie in irgend einem Bullshitjob mit Bürostuhl und eigenem Schreibtisch, er bei der Lebenshilfe.
Die Lautsprecher wurden dann auch gar nicht diskutiert, was bei einem Paarpreis von neu 350 Euro auch nicht viel Stoff zum Nachdenken hergibt. Der Plattenspieler aber ginge ja nun gar nicht! Kein Hochglanz-Edelholzgehäuse – er hätte eher an einen Micro-Seki oder ein altes Thorens-Schlachtschiff gedacht und man würde sich den ja auch jeden Tag ansehen… wie er auf die Firma Micro-Seki kam, habe ich leider vergessen nachzufragen. Aber in den siebziger Jahren waren die eine echte Hausnummer und ein gesuchter OEM-Hersteller. Von dem Rega jedenfalls würde ihm ein Bekannter, der sich total gut auskennt, abraten; lieber einen kleinen ProJect! Der wäre das geeignetere Model zum Wiedereinstieg. Der Bekannte ist Verkäufer in einem HiFI-Geschäft – vermutlich haben die ausschließlich den im Programm – drauf geschissen – der sieht exakt genau so aus, den Unterschied hört er sowieso nicht. Na, denn mal los!
Die Nachricht über ein großes Paket erreichte mich nach erstaunlichen 48 Stunden! Nun kenne ich meinen Bekannten als gnadenlosen Schnäppchenjäger und unerbittliche Krämerseele, aber das war dann doch sehr, sehr schnell. Na, dann lass mal unboxen: Die Lautsprecher kamen vom durchaus renomierten Hersteller JBL, mit der Frontfläche in der Größe einer DVD-Verpackung, aus schwarzem, bröseligem Plastik und mit zwei Anschlüssen auf der Rückseite für die Kabel. (die Dame des Hauses klassifiziert sie umgehend als entschieden zu groß). Der Verstärker war ein Yamaha-Reciever aus den Siebzigern, richtig klein – das Modell hatte ich noch nie gesehen, wirklich ganz klein, aber immerhin schon Stereo – wenn auch leider ohne RIAA-Eingang (also wenig plattenspielergeignet). Der Plattenspieler selbst war ein Wega, eines dieser Modelle komplett aus schwarzem PVC, die man auf jedem gut sortierten Flohmarkt für 10-15 € (mit Handeln auch gerne der Hälfte) leicht findet und der seinen Platz umgehend auf der Heizung fand, und eine Nadel war auch schon dran! (die reicht ja, teurer hört man sowieso nicht!) An diesem Plattenspielerdingens baumelte noch ein streichholzschachtelgroßen Kästlein mit Steckernetzteil wegen Anschluß an die Außenwelt. Sozusagen alles komplett, bis auf die Lautsprecherkabel. Darauf würde er noch warten, weil er keine weißen Strippen im Baumarkt gefunden hätte. Aber weiß müssen sie schon sein, wegen Inneneinrichtung. Weiß! Meine Zweifel verdichteten sich.
Gemessen an den nicht endend wollenden Vorträgen über die Unmöglichkeit eines anderen als als Hochglanz-Edelholz-Zarge war ich wenigstens etwas überrascht. Meine Wort gewordenen Mutmaßungen darüber, wann das Plastik des wackeren Wega durch die Öffnungen der Heizung geflossen wären, fanden keine Beachtung. Ebensowenig wie die durchaus berechtigte Frage, wo bei den Lautsprechern die Schalter wären, mit denen man die Hochtöner einschaltet. Die naheliegende Frage, in welcher Großstadt die Restmüllentsorgung teurer wäre als das Porto des Paketes, verkniff ich mir.
Statt dessen hatte ich Fragen zu beantworten: Neben seinen unzähligen, unanständig langen Sprachnachrichten auf meinem Telephon, wie sehr er sich über HiFi und Elektronik informiert hätte, fand sich ein Video, in dem jemand »total gut« sein Antiskate auf dem Plattenspieler justiert! Das wolle er jetzt auch. Etwas sehr widerwillig sah ich mir an, wo er sich informiert hatte.
Ein älterer, leicht tüddeliger dänischer Herr im Auftrag der Firma Ortofon zeigte, wie man es richtig macht! Da nehmen wir einen Plattenspieler (TechDAS Modell Air Force V für um die 16.000€) mit einem SME V Tonarm (ca. 5500€) und einem Ortofon MC Verismo Heritage (6980€ ohne feilschen); die durften ihr Können an Focal-Lautspechern Grande Utopia III EM EVO (250.000 € das Paar) zeigen. Die dazugehörige Elektronik war leider nicht zu sehen. Wenn der Hörraum von Ortofon den gezeigten Standard aber aufrecht erhält, liegt man mit insgesamt einer halben Million Euro Gesamtwert nicht so weit daneben – lass es 100000€ mehr oder weniger sein, wir sind ja gar nicht so! Und der ältere Herr justierte, im wahrsten Sinne mit Mikrometerschraube und Mickersskop!
Und der Wega auf der Heizung hätte dieselben Einstellmöglichkeiten! Nun gibt es über den SME V-Arm unterschiedliche Meinungen, ein Mangel an Justiermöglichkeiten gehört sicherlich nicht zu den Kritikpunkten. Der Nadelhalter des Flohmarktfundes sähe ja praktisch genau so aus wie der SME. Ein Rohr, das sich drehen kann. Den Plattenspieler hätte er ja (den Wega, nicht den Air Force V) nun, fehlt nur noch die Testschallplatte (die habe ich, er aber nicht, weil die Geld kostet). Und da könnte man ja… mit 80 Hz mit Ampere oder so … wir verwechseln mal eben Hz mit Mikrometer, aber Hauptsache eine wichtig klingende Einheit, und sei es Geschwindigkeit in Angström pro Woche.
Das führt zudem zu einigen Schreckmomenten in meiner gemütlichen Werkstatt, wenn wieder eine seiner Videobotschaften eintrudelt. Bei der letzten fummelte er mit einem Voltmeter zwischen Steckdose und Schutzklasse I herum. Das Multimeter aus dem Kaugummiautomaten stand vorschriftsmäßig in 200V~, dem höchsten verfügbaren Bereich. Was soll man machen? Erster Reflex: Hinfahren und die Sicherungen ausschalten, Zweiter: Zurückschreiben, er solle sofort die Finger davon lassen!, Dritter: Du bist nicht für all das Elend auf der Welt verantwortlich! Ich setzte also noch eine zweite Botschaft mit der Frage hinterher, ob er schon mal vom Darwin-Award gehört hätte? Nein, hätte er nicht. (»Lenk ihn irgendwie ab! Der guckt doch auch noch im Falle seines Ablebens auf sein bescheuertes Handy. Mach irgend was, damit er beide Hände braucht zur Bedienung seines mobilen Brettes vorm Kopf.«)
Todesursache Überdosis Information.
Ich gestehe, daß ich in der folgenden Nacht sehr schlecht geschlafen habe.
Seit seiner Informationsoffensive kennt er sich natürlich auch »total gut« in Elektronik aus! Meine Telephonate treffen also auf eine massive Mauer von Skepsis! Ich mache keine Youtube-Videos, in denen es um »ausphasen«, Antiskate und »audiophile Erdung« geht. Er ist da bereits ein gutes Stück informierter als ich es jemals sein werde! Bei dem Ergebnis seiner Schrottwichtelei muß man Kondensatoren tauschen! Die sind nach 10 Jahren alle Schrott (und sein Sperrmüll ist bereits älter als er selber). Mal sehen, was ihn als nächstes informiert. Geräte-Sicherungen sind das reine Gift für den Sound?
Hoffentlich entdeckt er niemals diese Seite! Bastelanleitungen, in denen das Kapitel »Netzteil« mit den Worten »ist ja selbsterklärend!« abgehandelt wird.
Ich bin ein Mörder!
Ich mache innerlich schon ein säuerliches Gesicht, wenn mir wer, der durchaus etwas von Sound versteht, erklärt, es komme beim Klampfen nicht auf die Gitarre an. Nun, das ist kapriziös, nur an der Grenze zur Verhandelbarkeit, aber immerhin keine Trommelfell veräztende Schlaumeierei eines Komplettdilettanten.
Sehr amüsante Geschichte, die einen mit einer Art Schadenfreude durchgträgt, dabei trifft es doch den Falschen. Was das Informieren angeht, so kenne ich nur die entscheidende Frage, wüsste aber nicht, wo die Antwort zu suchen wäre: „Wo ist die Grenze zwischen Engelsgeduld und abartigem Masochismus?“ Ich setze mich dann mal hin und warte auf den Rest der Therapiegruppe. MIt Elend kann ich ja gut.
cheers!
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Die schlechte Nachricht zuerst: Die Geschichte ist Wort für Wort wahr und sie scheint noch kein Ende zu haben.
Ja, das mit den Klampfen ist ein Beispiel; ich habe das zuletzt erlebt bei Celli, von denen das eine vor sehr weit weg kommt und 180 € kostet und das andere für 20.000€ aus eine renomierten Manufaktur aus Deutschland. Plapperdiplapperbauernfängerei, Nepp, Betrug! Und ich hatte durchaus meine Gründe, Dir zu sagen, daß der Ton aus den Fingern kommt und nicht aus der PRG edelteuer-Edition!
Was die Schadenfreude betrifft, so kenne ich die Antwort, habe aber leider die Frage vergessen.
Gruzzzz!
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Wir müssen das ja nicht schon wieder … man hört es halt und fühlt es auch, wenn die Finger und Ohren das hergeben. Ich habe mal ein Klangholz von John Cruz gespielt, er muss einen sehr hässlichen Tag erwischt haben. Vielleicht war es auch ein Fake von russischen Hackern. Mein Provider von Dunnemals hatte hingegen mal eine rotzige Squier, die der Arsch nicht verkaufen wollte. Er wusste, warum.
Ich habe keine Idee von Highvieh, hörte aber hier und da sensationelle Tonigkeit. Klampfenfetischisten gibt es ja nicht so viele, da kommt das Thema kaum je auf, aber Leute, die so Markennamen von Wohnzimmerausrüstung 10k sagen können und damit zum Schulterklopfen von anderen Markennamensagern gehen, gibt es reichlich.
Mein erster Verstärker war von Normende. Ich fand das Teil geil. Angeben war damit nicht, zumal … Alter! 30 Watt? Loooser!
Was mich an der Geschichte oben fasziniert, ist, dass sie so banal ist und dennoch so durchschlagend erheiternd. Ich stelle mir dieselbe von der anderen Seite vor, damit wird sie noch komischer, zumal ich mich dann frage, wie solche Leute wohl ficken.
Sorry.
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Ach Flatter… Nein,wir müssen nicht,aber ich würde gerne wieder. Und bei den Squier gibt es richtige Schätzchen.
…habe keine Idee von Highvieh , aber Leute…
Die sind mir nicht bekannt, habe ich in meinem Bekanntenkreis nicht. Wenns hoch kommt, stehen da mal 700, 800 € rum. Und daran ist auch nichts verkehrt. OK, ich latsche dann schon gelegentlich mal zum nächsten High-End Höker in der großen Stadt ( der freut sich immer total, wenn er mich sieht) und höre mir an, wie der Gegenwert einer Hallberg-Rassy 48 MK I klingt, aber wie gesagt: Ich kenne zum Glück niemanden, der sich sowas ans Bein bindet. Außerdem weiß ich, wie Life-Konzerte klingen; auch kein schlechter Masstab. Sonnabend ist es wieder soweit: Da gips einen verrückten spanischen Pianisten, der die Leute in einem etwas größeren Büroraum von der Schönheit klassische Musik zu überzeugen versucht. Da war ich jetzt schon ein paar Male, und Ja: er ist völlig meschugge, aber ein guter Konzertpianist! Am Dynamikbereich seines Bösendorfers muß ich bei mir im Wohnzimmer noch arbeiten. Aber ich bin auf einem guten Weg!
»…gibt es reichlich…«
Da habe ich meine Zweifel! Wie gesagt, kenne ich keinen. Einige Musiker, bei denen eine LS 3/5 oder eine NS10 rumoxydiert, aber das ist eher die Taschengeldfraktion. Das sah vor 1990 doch ganz anders aus. Machen wir uns nix vor: Seit Ipod und Streaming hat sich das mit HiFi im Großen und Ganzen erledigt. Die ganzen HiFi-Tempel nicht nur der Innenstädte sind durch Mobilfunkhändler übernommen worden. Wenn diese Dinger auch noch stricken könnten, hätten sich auch die Modeshops erledigt und die Fußgängerzonen wären eine finale Monokultur mit Reisebüro.
Nordmende , foundet in 1923 als Mende in Dresden… seit 1947 Nordmende aus Bremen. »Norddeutsche Mende Rundfunk GmbH«. Da grunzt die Tradition! Ja, da muß man Fan von sein. Was soll ich sagen? Ich schraube seit Wochen an einem 14kg schweren Brocken herum. 2X12W
Schön, daß Dir die Geschichte gefällt. Ich stelle mir das lieber nicht vor. Ich kenne die Beiden.
Da ja man nich füar
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Kleiner Nachtrag
Auf dem Konzert bei dem verrückten Spaniers war ich nun, nur daß der gar nicht selber spielte, sondern ein anderer wahnsinniger Spanier. Albert Attenelle (* 1937) und kann sich immer noch ohne Hilfe von a nach b bewegen. Der ist von Beruf wohl irgend so eine Legende und war mir unbekannt wie sonst was. Jedenfalls setzte der sich an das Grand-Piano und spielte dort (wo sonst sein Schüler, der andere wahnsinnige Spanier sitzt) auf dem verdammten selben Instrument und das war nicht im Ansatz das gleiche Instrument. Ich habe es nicht geglaubt, das klang mindestens 2 Größenordnungen (teurer) besser und zudem »in einem größeren Raum« als vorher. Also so eine Verwandlung von einem Instrument habe ich noch nie gesehen! Vom Honky-Tonk Klavier zum Bösendorfer 280CV in 4 Takten.
Das war reinstes, entmineralisiertes Wasser auf meine Mühle »die Finger machen den Ton«
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Das erinnert mich an sehr olle Diskussionen um Milieu- vs. Reifetheorien, die vor allem eines gemein haben: Sie taugen isoliert nix. Stellt sich raus, was die Finger und die Instrumente anbetrifft: Beides ist falsch; es ist vor allem das Hirn (los, jetzt frag, welches ;-).
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»es ist vor allem das Hirn«
Auf die Formulierung könnte man sich einigen
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