Elvis

Elvis habe ich immer gehasst. Allein wie der aussah! Zum Zeitpunkt meiner Geburt war er schon eine ganz große Nummer. Als er 1977 aufgedunsen und tablettensüchtig starb, interessierte ich mich für Led Zeppelin, Can und Emmerson, Lake & Palmer. Elvis? Das war doch der mit seinem privaten Disneyland mit Autosammlung und Privatflugzeugen. Rock’n’Roll? In der Armee hatte er seinen Wehrdienst absolviert und das auch noch in Deutschland. Damals fielen nicht nur die Haare, sondern auch die Illusionen, daß Rock’n’Roll in irgend einer Form so etwas wie Rebellion sein könnte. Jedenfalls hätte man bei genauer Betrachtung darauf kommen können, aber darüber dachte 1957 natürlich niemand nach. »Es ist eine Pflicht, die ich zu erfüllen gedenke!« Alles andere wäre Gift für die Plattenumsätze gewesen. Der Dienst an der Waffe als Verkäsungs-Bakterie, um aus dem Bürgerschreck aus Memphis den ultimativen Goldesel zu machen.

Na schön: Es waren andere Zeiten. In Deutschland wunderte sich die Wirtschaft, wie man nach nur so kurzer Zeit schon wieder wer sein konnte und der Koreakrieg war fast übergangslos zum Vietnamkrieg geworden. Jerry Lee Lewis war jedenfalls weder in Deutschland noch in Saigon, sondern heiratete eine 13jährige und benahm sich auch sonst nach Kräften daneben. Es war durchaus nicht so, daß man nicht die Sau rauslassen konnte, wenn man das unbedingt wollte.

Elvis wollte nicht.

Andere waren da nicht so karrierebewußt. Entweder hatten sie die falsche Hautfarbe und spielten lieber Rythm and Blues oder hatten zuviel Jack Kerouac gelesen. Es gab (und gibt) unzählige Gründe erfolglos zu sein. Zu Elvis Zeiten war die Frage der Hautfarbe das Killerkriterium, Elvis die Lösung der Plattenindustrie, Rythm and Blues an die weiße Mittelschicht zu verkaufen – »jetzt neu auch in Uniform!«

Der Aufstand fand weit entfernt von Graceland statt. Der auf den Straßen wie auch der in den Aufnahmestudios. Eigentümlicherweise wird mit den Beatles fast immer die Chance in Verbindung gebracht, als Niemand ein Vermögen zu verdienen. Elvis war bereits Millionär, als sich 1965 Elvis und die Beatles trafen – ohne Kameras und Journalisten – und Elvis beschloß, seiner Karriere eine neue Richtung zu geben. In Zukunft wollte er in rosa Bonbon-Papier gewickelt unter jedem Weihnachtsbaum liegen. Die Rolling Stones tourten währenddessen durch Europa.

Elvis? Noch vier Jahre bis Woodstock. Man hasste seine Eltern, die Lehrer, die jeweilige Regierung, den Krieg und Elvis Presley. Der great Rock’n’Roll swindel nahm zügig an Fahrt auf, war aber bis auf weiteres amüsant.

Und irgendwann war er dann tot, der King. Andere, die einem wichtiger waren, hatten es nicht so lange geschafft. Jimi Hendrix zum Beispiel oder Jim Morrison und Gene Vincent. Und vor allem waren sie an standesgemäßen Drogen verreckt. Da unterschied der rebellische Jugendliche fein: Diätpillen und Schlafmittel gegenüber LSD, Heroin und Marihuana. Ersteres fand man problemlos im Nachtschrank der Eltern, womit der Fall eigentlich schon gegessen war.

Bis Pantoufle beruflich zum Rock’n’Roll traf (so um 80’ herum), sollte es noch weitere Helden des Undergrounds dahinraffen, die doch alle die Titelseiten jeder noch so provinziellen Illustrierten im Wartezimmer des Zahnarztes zierten. Man hätte eigentlich stutzig werden müssen, daß man erst Underground war, wenn einen alle kannten. Michael Leckebusch und Uschi Nerke, Beatclub. In der Wikipedia steht über Uschi »geb. 14. Januar 1944 in Komotau, Reichsgau Sudetenland«. Reichsgau Sudetenland! Die Formulierung hat sie nun wirklich nicht verdient! Immerhin lebt sie noch, ein Jahr älter als Lemmy. Da gab’s seit 1965 öffentlich-rechtlich die Avantgarde des Rock’n’Roll. Beatmusik nannte es sich und Avantgarde, wenn es genügend Leute in den Plattenläden kauften.

Das stimmt so natürlich nicht! Natürlich gab es auch eine echte Avantgarde, eine, die niemand kannte, die aber soweit vorne war, daß selbst die Probanden nicht wußten, wie weit sie dem Mainstream voraus stürmten. Besagte Can, Embryo, Guru Guru und wie sie alle hießen. Nicht nur an die Namen kann man sich kaum erinnern. Das Bewußtsein der meisten war dermaßen erweitert, daß für schnöde Statistik kein Raum blieb. Vielleicht ist das auch besser so: Da schlummern noch viele Schallplatten im Regal, die endlich der Entdeckung harren – ihre Zeit ist immer noch nicht gekommen. Gott sei Dank! Es sind nicht alles Juwelen, was damals keine Käufer fand.

Oder »die Tüte«. Ein sehr guter Freund, Gitarrist der Deutschrockstunde, mittlerweile Berufsmusiker gegen echtes Bargeld und ich teilen das Geheimnis der Tüte. Die Tüte: Das ist eine halbverfallene Aldi-Einkaufstüte mit Musikcassetten. Aufnahmen der eigenen Werke, die Bands von damals, in denen man zusammenarbeitete. Halbverdauter Miles Davis, notdürftig verzerrte Sechsseiter. Musikalische Erinnerungen der besonderen Art. Nicht immer einfach zu hören und sehr, sehr unentdeckt. Lude, der immer diese inspirierten Solos spielte… eines Tages fanden wir ihn in seiner Wohnung an der Decke hängend. Was von ihm blieb war ein Zettel, auf dem er bat, sich seines Hundes anzunehmen. Ich habe den Namen von dem Tier vergessen. Wie hieß der doch gleich? Jedenfalls nicht Jim Morisson.

Bei vielen dieser Werke saß ich an irgend einem Pult, kann mich also nicht beschweren, weil: Irgend etwas mußte ich mir dabei gedacht haben wenn es so klang wie es klingt. Rock’n’Roll war sowieso hauptsächlich materiell. Während die Kumpels oben auf der Bühne am Rad drehten, drehte ich Knöpfe. Konzerte waren Organisation, löten, improvisieren und in den freien Minuten wieder löten. Schwarze Nußecken (115), in denen für kurze Zeit ein 15’ E-Voice Basslautsprecher verschwand, bevor man ihn nach der Show wieder ausbaute, um ihn zum Händler zu tragen. »Einmal neue Schwingspule bitte!« Haben diese Dinger eigentlich jemals mehr als drei Gigs heile überstanden? Obendrüber wohnten 4560, dann Negerlippen (damals hieß das so – heute übrigens auch noch) oder Ware von Altec-Lansing und für die ganz hohen Töne gab’s die berüchtigte Box mit den Piezos. Angeblich unzerstörbare Hochtöner, aber schon damals wurde gelogen, was das Zeug hielt und das hielt jedenfalls länger als diese unseligen Tweeter.

Mein ganzer Stolz war ein 19’ Hallgerät mit echtem Federhall (Accutronics), inspiriert durch eine Baumappe von Radio-RIM. In langen Tagen und Nächten der Grübelei und ersten eigenen Erkenntnissen über das Wesen des Raumes entstanden und es klang gar nicht mal so schlecht, solange man nicht dagegen stieß. Wir hatten jedenfalls Hall und die anderen hatten keinen – auch wenn es gelegentlich etwas schepperte. Irgendwann gelang die erste, eigen gelötete Delta-Sigma-Modulation und kurzfristige Speicherung des Gewandelten in einem TTL-Grab: Die Geburt des stoßsicheren Hallgerätes, das genau genommen die Halbleitervariante eines Roland-Bandechos darstellte. Statt scheppern rauschte es jetzt, das aber konstant und mit immer gleich hohem Pegel.

»Was rauscht denn da so?«

»Das ist digital!!!«

Man sieht also, daß sich an den Ausreden während der letzten 40 Jahre wenig geändert hat.

Erwähnte ich schon den Mercedes-Transporter; 7,5t wenn er gut drauf war? Ein Fahrzeug, daß einem einen ununterbrochenen Strom von Freunden zuführte. Jugendbewegung der 80er Jahre hieß Umzug von einer WG in die nächste im gefühlten Wochentakt. Und am Wochenende war irgendwo ein Gig. Gemessen am Ladevolumen war der Output an akustischer Energie unser damaligen Beschallungsanlage… nennen wir es mal diplomatisch »lausig«! Aber durchaus vorhanden und dadurch bekam mein Leben langsam einen Sinn. Selbstzweifel waren selten und konnten durch höhere Dosen von bewußtseinserweiternden… , aber lassen wir das. Jugend, süße Jugend!

Tiefschläge blieben nicht aus. Gemessen an dem, was der Beschallungsmarkt an Masse zu bieten hatte, war man sich der Zugehörigkeit zur Unterklasse natürlich bewußt. Umsonst und draußen konnte man sich jedes Jahr betrachten, was die liebe Konkurrenz zu bieten hatte. Ein paar Gigs spielten wir als Vorgruppe für die Bots aus Holland. Die hatten einen Riesenhaufen Bose 801 links und rechts mit richtig lauten Bässen. Das Zeug hat mir damals sehr gefallen. Oder die mehr oder weniger gelungene Clair S4 Clone. Die gab’s in Hamburg, München und jeder anderen großen Stadt. Wenn sie mit halbwegs amtlichen Material bestückt und angefeuert wurden, war es auf 25 Meter richtig laut, wobei man allerdings nach 30 Meter prima telephonieren konnte, hätte man damals bereits ein iPhone gehabt. Reichweite war nicht so deren Ding. Damals fand ich die auch gut – bis ich selber mit den Originalen arbeiten mußte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Electro-Voice hatte irgendwann mal den Ehrgeiz, S4 nachzubauen. Gewicht, Farbe und Bestückung sollte dem Vorbild vorbildlich entsprechen. Erreicht wurde das Entwicklungsziel bei Farbe und Gewicht. Brachial, das Zeug. Unmenschlich schwer und mit Kuscheltierfell bezogen, damit man es nicht bewegen konnte. Und leise… ganz leise…

Aber das nur nebenbei und weil man sich in diesen Erinnerungen stundenlang verlieren kann. Irgendwann setzt die Erinnerung halt wieder ein. Den Tiefschlag gab es in Form einer Show in Hannover. Motörhead spielte und hinter der Halle standen die Trucks. Mehrzahl. So gerne wir unseren Mercedes 7,5t Truck nannten – dort stand die Version für Erwachsene. Drinnen ging es auch sehr erwachsen zu. Links und rechts von der Bühne standen Boxen aufeinandergestapelt. Die Fläche von einem Einfamilienhaus auf der einen und auf der anderen Seite noch einmal. Irgend eine Vorsuppe plärrte mit gebremsten Schaum etwas, das niemanden interessierte. Damals wie heute. Ob sie schon damals »…und gleich kommt ein richtiger Star!« ins Micro gebrüllt haben, damit auch nur eine Sau klatscht? Vermutlich. Einige Dinge werden sich seit der Antike kaum geändert haben. »…und gleich lassen wir die hungrigen Löwen und Giftschlangen los!«

»Yeah!!!«

Vorne – also da wo für einen Tontechniker vorne ist – stand ein Pult. Keine 12 Kanäle oder 16 davon. 24? Wir sind doch hier nicht in der Krabbelgruppe! So bunt wie ein Perserteppich und auch so groß. Nur teurer. Für den Tarif konnte man ein Einfamilienhaus kaufen. Und für das Lexicon Model 224 Hallgerät im Siderack die passende Inneneinrichtung. Das war digital! Und groß! Mit einer Larc auf dem XL4.

Irgendwann scheuchte jemand die Vorband von der Bühne. An ein »We are Motörhead. And we play Rock’n’Roll« kann ich mich nicht erinnern. Aber an das Geräusch, das dieser Drohung folgte. Das war lauter als alles, was jemals vorgegeben hatte, laut zu sein.

Nächstes Stück. Auch laut. Kurze Ansage (SM57 gen Saaldecke). Neue Nummer. Etwas lauter. Kurze Pause (neue Gitarre). Mal was ruhiges. Mäßig brüllend laut. Danach geht’s aber wieder richtig zur Sache. »Seid ihr schon eingeschlafen?« Wenn ja, wecken wir euch jetzt mit richtiger Lautstärke!

So ging das vor sich hin und wurde langsam, aber sicher immer lauter. Da oben stand jemand… Lemmy erinnerte mich aus irgend einem Grunde an Jonny Winter. Auch so einer, der vollkommen unbeirrt sein ureigenstes Ding durchzog. Doppelalbum mit drei bespielten Seiten. Ohne nach links und rechts zu sehen mit dem Brecheisen durch die Tür. »Ich möchte Sie höflichst darauf aufmerksam machen, daß ich dieses Zimmer gleich in Sägespäne zerlegen werde. Wenn Sie so freundlich wären, ein kleines Stück beiseite zu treten…«

Die 80er gingen zu Ende und es begann auf den Bühnen der Welt auszusehen wie bei Miami Vice. Gestärkte Hemdkragen und Plateausohlen. Nur daß Miles Davis so gut wie nie auftrat. Es war ziemlich abscheulich nicht nur anzusehen, sondern auch zu hören. Jeder war mit irgend etwas beschäftigt. Ich mit meiner Karriere, deren Ziel darin bestehen sollte, soviel Lautsprecher aufeinanderzustapeln wie Motörhead, die Plattenindustrie damit, alle im Lager gammelnden Bänder auf das neue Medium CD zu pressen. So konnte man sich die Nachwuchsförderung sparen und das Zeug gleich zweimal verkaufen. Die Fans hatten in den vergangenen Jahrzehnten bedingungslos jeden Müll ihrer Band gekauft und mit etwas guten Timing (und einem Nachfolger für die Compact-Disc) hätte man dieses Spiel für mindestens 20 Jahre ungestört fortführen können. Alles so schön bunt hier! Jetzt auch digital erhältlich!

Karajan hat schon gekauft!

Irgend etwas ging schief. Wann es genau begann, weiß niemand. Es hatte Bedenken gegeben, ganz leise, aber unüberhörbar. Bandcassetten kann man kopieren, CDs auch. Völker, hört die Signale nur vom Originaltonträger! Natürlich hatte es schon vorher Warnungen vor den Gefahren der Raubkopiererei gegeben: Nasenbluten, Ausschlag über dem Mund und vorzeitiger Samenerguß. Aber jetzt wurde es langsam eng. Die Fans, die Idioten, hörten auf zu kaufen. Die Jugend hatte aufgehört sich zu bewegen und saß lieber am Fernseher/Computer und genoß die finalen Früchte des Wirtschaftswunders und der 68er Jahre. Natürlich noch revolutionär gestimmt, aber immer schön eine Instanz nach der anderen. Andere Dinge waren wichtiger geworden. Die Karriere, Gesundheit, das ganzheitliche Ich und das Über-Du oder gleich der ganze Planet, dem es bedenklich schlecht ging. Drogen, zusammen abhängen und Musik hören wurde langsam nebensächlich.

Die Plattenindustrie hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit, daß sich die Welt ändert. Und als sie sich mit dem Aufkommen des Internets dann radikal änderte, war das einfach eine Nummer zuviel in den Strategiepapieren der Chefetagen. Dann lieber wieder Glühbirnen herstellen – das hatte man bereits früher gemacht und Glühbirnen würde es schließlich immer geben!

Das war es dann. Das Publikum hatte sich verändert, der Kunde, der Assi hinter den Crash-Barriers. Ganz Gallien? Nein! Ein kleines Dorf… Ein paar Inseln hatten die Flutwelle der Beliebigkeit überlebt oder schwammen jedenfalls tapfer gegen den Strom. Zum Beispiel gab es noch den Jazz. O.K., damit kann man kein Geld verdienen, aber man sollte es wenigstens erwähnen. Und natürlich gab es weiterhin die Leute, die wenig Geld haben, zu kurz gekommen sind oder kurz gehalten werden. Die weiter schwarzes Leder anzogen und sich mit allerlei silbernem Schmuck behängten. Vorzugsweise martialisches, Kreuze, Thorshämmer und Totenköpfe. Die auch dann noch lange Haare trugen als der Rest der Menschheit aussah wie Fasching bei der Hitlerjugend.

In der einen Hand ein Bier, die andere mit der Pommes-Gabel in die Luft erhoben.

Metal lebt!

Der harte Rock hatte es irgendwie geschafft. Ob es die robuste Grundkonsistenz war, das Nischendasein oder eine grundsätzlich unverkäufliche Ehrlichkeit – an Versuchen, auch das zu unterspülen hatte es nicht gemangelt. Da war zum Beispiel eine bekannte Band aus Hannover, die es übrigens immer noch gibt. Oder die Weichspülkonzentrate mit langen, blonden Haaren und Glitzerklamotten, bei denen die Gitarristen nach Noten pro Minute bezahlt wurden und werden.

Wer wollte, konnte sich damit blenden lassen. Für alle anderen gab es immer den Kompaß, der einem zeigte, wo der (nordische) Hammer hing. »We are Motörhead. And we play Rock’n’Roll!« Lemmy gab es immer noch. Er hatte den Weichspüler überlebt, die CDs, die Talentsucher, alle Ärzte und Kritiker. Immer freundlich, ein Gentleman und jederzeit bereit sein MG in Form seines Rickenbaker abzufeuern. Deutschland und der Rest der Welt suchte den Superstar, während Lemmy und seine Band (die eine Band war und nicht eine angemietete Zumutung) den Rock’n’Roll am Leben hielten. Die Urform; so unverkäuflich, so ehrenvoll und so grundehrlich, wie es nur ganz besondere Menschen imstande sind über Jahrzehnte zu tun.

Gelegentlich unterschätzt man das Publikum. Hin- und wieder entwickelt es einen durchaus feinen Sinn dafür, ob es gerade verarscht werden soll oder man jemandem über den Weg trauen kann. Einem Miles Davis, Howlin’ Wolf, BB King oder Lemmy wurde vielleicht einiges vorgeworfen – niemals aber, daß sie vorgaben jemand zu sein der sie nicht waren. Oder sich gebeugt zu haben.

Ich habe es auch irgendwie geschafft. Berge von Lautsprechern, die Stars auf wochen- oder monatelangen Tourneen ertragen, die Flughäfen und Absteigen – die billigen und die teuren. Auch habe ich schmerzhaft gelernt, daß es keine besonders gute Idee ist, mit seinen Idolen auf Tour zu gehen. Man ist zu wenig fokussiert, zu enthusiastisch. Lieber mit jemandem, den man aus tiefster Seele haßt. Das hält die Gedanken beisammen. Und halte immer genügend Abstand zum Künstler! Ganz, ganz wichtig! Deswegen auch nicht mehr hinter dem Pult – es gibt genügend andere Betätigungsfelder im Rock’n’Roll.

Ausnahmen bestätigen die Regel: Man lernt unglaubliche Menschen kennen und lieben. Ich lüfte mal ein Geheimnis: Die Tournee mit der unglaublich professionellen, lebenslustigen und fürsorglichen Dolly Parton zählt zu meinen schönsten Erinnerungen. Der verehrungswürdige Willie Nelson, der mehr als mein Musikverständnis nachhaltig beeinflußt hat… die ganze Crew, die Ernennung zum Texaner ehrenhalber… ausgerechnet Country and Western! Was für ein wunderbares Leben hat mir dieser Beruf geschenkt!

Aber immer war da ein Nordstern, eine Linie. Was willst Du, warum machst Du das und wo willst Du hin? Es ging immer um den Rock’n’Roll, um das, was Musik und Gemeinschaft mit den Menschen anstellen kann. Identifikation. Wo bist Du gerade?

Lemmy habe ich nie kennengelernt. Wir sind uns begegnet, hin und wieder auf einer Bühne… ah, der gehört dazu, ein Techniker. Vor einem Jahr, als es ihm nicht besonders gut ging, in einem Hotel in London. Er sah mich an, irgend eine Erinnerung und ich ging zu ihm, um ihm die Hand zu geben… »Sir! How are you?«, ein Lächeln und dann kam sein Auto. Dieses Jahr im Park – ich schrieb darüber.

Nein, der Rock’n’Roll ist natürlich nicht tot. Völliger Blödsinn. Nicht, solange es noch jemanden gibt, der an ihn glaubt und solche, die ihn hören. Genau so wenig wie der Jazz. Mozart ist auch nicht gestorben – jedenfalls nicht in seinen Kompositionen.

Aber ein Kompaß fehlt nun. Was soll ich meinen Kindern erzählen? Die hören ja auch alle Rock’n’Roll.

»Liebe Pansen: Das, was Ihr da hört, ist ja ganz nett! Sehr schön arrangiert und auch fein dargeboten! Aber wenn Ihr wissen wollt, wie man das richtig macht, dann müßt Ihr Motörhead live sehen. Und Ihr müßt es leben – ganz wichtig! Aber vor allem müßt Ihr es hören. Es ist laut!«

Everything Louder than Everyone Else!

Elvis war sowas von Scheiße! Ich verachte alles, wofür er und seine Plattenfirma jemals stand.

Lemmy: Hölle oder Fegefeuer?

»Ich gehe dahin, wo es mehr Poolbillardtische gibt.«

 

5 Gedanken zu „Elvis

  1. Ich sitze auf meinem blutjungen Twin Reverb und komme. Um mich herum Gitarren, die viele gern hätten, die es wirklich können. Die Welt ist scheiße.

    Jetzt aber dicke: Ich neige ein wenig dazu, den Dicken mit der Sonnenbrille in Schutz zu nehmen. Seine Mucke … au weia, aber immerhin für Weißbrote damals recht zukunftsweisend. Ich habe aus Versehen eine Biographie von ihm gelesen. Auch ne arme Sau, die sicher gern anders gelebt hätte – und sofern das so stimmt, haben sie ihm auch ordentlich zugesetzt, weil er das mit der Rassenschranke ignoriert hat.

    Eine Freundin hat Miles kennengelernt. Kam ein Roadie und meinte zu ihr: „Miles Davis wants to talk to you.“ Der hatte so eine Art körpernahe Gebärdensprache. Die Sage geht, sie hat ihm eine geklebt und ist abgerauscht. Das mit dem Rock’n Roll hat sie wohl eher weltfremd interpretiert.

    Als Zaungast bin ich sehr fasziniert von dieser Ecke der Welt. Klingt alles so nach Abenteuer und Lagerfeuer. Reicht aber nicht für Neid. Ich würde nicht tauschen wollen. Mit mir allerdings auch nicht 😉

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  2. Moin Cube

    Der Dicke mit dem Hüftschwung. Ob er gegen Ende seines Lebens morgens vorm Spiegel stand und es noch einmal versucht hat? Und was da schwang, war weit mehr als die Hüfte? Und wie fühlt man sich bei derlei Niederlagen? Mitleid? -ja, das kann man haben.
    Etwa die Art von Mitleid wie mit Warren Buffet, wenn sich rausstellt, daß seine Beteiligung an General Motors nicht genug Profit generiert.

    »…sicherlich gerne anders gelebt haben…« Na, daß nenne ich aber scheitern auf hohem Niveau. Sicherlich einer der Gründe, warum ich die
    Finger von der Biographie gelassen hätte. Nicht nur von dieser. Die berufsmäßigen Mythenmetze am Werk, um Heldenlegenden zu verbreiten.

    Aber irgend jemand muß ihn ja gehört haben, diesen Elvis, und sich etwas davon etwas versprochen haben. Man hätte auch Sam Cooke, Chuck Berry oder Jimmy Hendrix anjubeln können. Was hatte Elvis, was Hendrix nicht hatte?

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    • Sicher. Es fiel mir nur auf, dass selbst hinter berechtigten Vorurteilen oft kompliziertere Geschichten stecken. Ein Buffet-Vergleich könnte übrigens der neue Godwin werden 😛

      Meine Trigger triggern halt woanders. Sowas wie dieses Lutschbonbon zum Beispiel, das im Ratinger Hof mal aussah, als hätte es etwas mit Punk zu tun. Oder all die Arschgeigen, die jetzt den Banderas helfen müssen. Oder der Lachsfarmer, der Maggie Hilda so doll fand. Oder oder. Wir Bremer wissen ja: Was zum scheiße Finden findste überall.

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    • Das Paradoxon bildet sich wie folgt: Man macht sich eine ‚einfache‘ Meinung wie in: erster Eindruck, Stempel drauf. Stellt sich später raus: So einfach ist es nicht, aber der Stempel kann eigentlich bleiben. Von daher nachfundiert, mit der entsprechenden Gefahr einer Rationalisierung.

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