Wenn ich etwas wirklich hasse (was hasse ich nicht?) ist das am Auto schrauben. Schließlich habe ich mir Motorräder ins Haus geholt, um nicht mehr dem Rost und der Vergänglichkeit von vierrädrigen Fahrzeugen hinterherreparieren zu müssen. Aber ein kaputter Auspuff ist schlecht fürs Image und die Holde mochte die sportliche Note am Micra nicht. Was soll man machen?
Der Ersatz aus Polen passte erstaunlich gut und war nicht teuer, wäre da nicht die nahende Gewitterfront gewesen und in der Scheune steht leider der MR2, den ich auch nicht auf die Schnelle umparken kann. Also auf dem Hof schrauben. Oh, wie ich das hasse!
Wer ist schneller? Die Pfütze, die sich an gewohnter Stelle auf dem Katzenkopfpflaster sammelt oder die völlig vergammelten Schrauben hinter dem Krümmer, die man nur fakirgleich mit zusätzlichen Gelenken am Arm erreicht? Das Wasser steigt bedenklich in Richtung Nasenspitze, als der Hazet-Schlagschrauber (dieser geile, kurze, mit dem man auch in die Ecken kommt) das Rennen knapp gewinnt. Ich schlüpfe also kurz vor dem Ertränktwerden wie ein junges Kätzchen unter dem Fahrzeug hervor und warte das Ende des Gewitters ab. Irgendwann hört es auch wieder auf zu regnen – alte Motorradfahrerweisheit – und ich schraubte zu Ende. Die Holde zufrieden, ich auch und eine Flasche Rüdesheimer Drachenstein, Riesling Kabinett als Belohnung. Morgen noch mal warmfahren und die Schrauben nachziehen – das sollte es dann gewesen sein.
Was wollte ich eigentlich sagen?
Ach ja: Vor etwa einem Jahr hatte ich in einer stillen Nacht das dringende Bedürfnis nach lauter Musik. Schön 80` Jahre Disko mit einem Bier in der einen und einer schwarzhaarigen an der anderen Hand, klebrige Bar mit wackeligen Hockern… so etwas in dieser Richtung. Richtig Bassdrum, ohrwürmige Melodien und süße Erinnerungen. Mittlerweile gibt’s ja dieses sogenannte Internet mit JPC und Spontankäufe gen Mitternacht. In diesem Falle wurde es dann gegen Mitternacht Simply Reds Picture Book von 1985. OK, das ist jetzt das krasse Gegenteil zu einem Geheimtip und Nein: Ich hatte es nicht noch irgendwo im Plattenschrank. Dafür wars dann auch nach ein paar Stunden und ca. 28 € später im Briefkasten.
Das Schöne an solchen Platten ist gelegentlich ihre Überraschungsfreiheit. Man kennt jede Note, jeden Snare-Schlag und die Solos.
»Das Debüt-Album von Simply Red inkl. dem Hit Holding Back the Years – jetzt wieder auf Vinyl!«
Ja, soweit richtig – Erscheinungstermin Freitag, den 13.11. 2020. Und ich sach noch: Da läßt man kein Schiff vom Stapel oder beginnt sonst etwas wichtiges.
Side Two, 5. Picture book: Wo ist denn da die Eins? Wäre da nicht die prominente Bassdrum, glaubte man sich im falschen Stück, wobei mir dieses Stück sowieso völlig unbekannt wäre. »Wir lassen alles weg, was man sowieso nicht hört! Dann rauscht auch nichts«. Den Expander angezogen bis es knirscht, noch einen Limiter darüber, daß es für die empfindlichen Öhrchen nicht zu dynamisch wird und dann die Stöpsel in die Ohren. Das pumpt und gluckert und Mick Hucknell tut gut daran, sofort mit voller Kraft loszusingen, sonst werden die leise gehauchten Silben geschreddert.
Genau so geschreddert wie das Trompetensolo auf Holding back the Years. Das hielt wohl jemand für ein Störgeräusch, das es zu vertilgen galt. Trompete – geht ja gar nicht!
Der Fachmann ahnt es bereits: Hier wurde »remastert«. Noch mehr verbessert, jetzt mit noch mehr Nutzererfahrung. So kann man man die »Überlegenheit« von digitalen Signalquellen gegenüber analogen auch erzeugen. Einfach solange verbessern bis etwas ganz neues dabei herauskommt. Was bei »Krieg und Frieden« als Groschenheft funktioniert hat, sollte doch auch …
Finger weg von dieser Platte! (2020 remastert)
Ein Gang zum Gebraucht-Plattenhändler des Vertrauens und das Problem war 7 € später erledigt. 1985 gepresst, hervorragender Zustand, gewaschen und gefütterte Innenhülle – freundliche Bedienung inklusive und keine Versandkosten. Geht doch. Braucht jemand ein Exemplar von Picture Book aus Simply Reds experimenteller Phase?
Oh Mann!!!
Gar nicht neu auf dem Plattenteller: Bill Evans »Walz for Debby« life at Village Venguard. Erschienen 1961 auf Riverside, produziert von Orrin Keepnews. Zusammen mit Sunday at the Village Vanguard gelten die Aufnahmen als mit die besten Live-Alben der Jazzgeschichte.
Wer entsetzlich viel Geld hat, besorge sich eine antike Monopressung. Stereo war bis etwa 1965 etwa so weit verbreitet die heutzutage DSPs mit FIR-Mathematik (es gibt sie…). Und was man 1960 unter Stereo verstand, mutet 2024 krude an.
Zwar war eines der möglichen »Stereo« oder auch Raumklangverfahren bereits seit 1931 bekannt (Alan Blumlein), aber erstens war das nur eine von mehreren Idee zu diesem Thema und zum Anderen kollidierte das Verfahren mit einigen gebräuchlichen Aufnahmeverfahren dieser Zeit; war (und ist) also technisch nicht so trivial, wie man sich das vorstellt. Nur weil man 2-kanalige Aufzeichnungsverfahren entwickelt hatte, war das noch lange nicht »stereo«.
»Der einzige Zweck des ursprünglichen Zweispuraufbaus bestand nicht darin, ihn [den Klang] im Raum zu platzieren, sondern darin, den Mono-Klang besser zu machen«
Nun waren sie aber da, die zwei Kanäle! Nur mit der elektronischen Umsetzung haperte es noch. Der umgangssprachlich »Panoramaregler« (Pan-Pot) genannte Regler am Mischpult wurde erst in den 70` Jahren gebräuchlich – bis auf Weiteres behalf man sich mit Links-Mitte-Rechts-Schaltern.
Und das Mischpult war ganz klar Oberklasse, kein Gammel vom Bastlermarkt.
So stellte man sich bei Blue Note zwischen 1957 – 1960 die grundsätzliche Aufteilung der Instrumente vor und zog das auch ziemlich konsequent durch.
Bei Riverside war man natürlich nicht dümmer ( van Gelder arbeitete auch dort) und veröffentlichte den Gedanken Blumleins von 1931 schnell noch einmal, nur mit dem Unterschied, daß jetzt »Riverside« darauf stand (hatte England den Krieg nicht auch irgendwie verloren?)
Man muß das wohl pragmatisch sehen: Schön. daß es überhaupt jemand verstanden hatte!
Mit dem späten Ergebnis, daß »Walz for Debby« ziemlich stereo ist. So in etwa das was wir uns heute darunter vorstellen. Bill Evans und Scott LaFarro, der Jaco Pastorius der Fünfziger Jahre. Eine dieser seltenen musikalischen Ehen, die unvergleichliche Musik schufen. Evans spielt mit der Unbekümmertheit und Fröhlichkeit eines Zwanziger Jahre Gassenhauers und daneben stellt LaFarro seine fast gegenteilige Melodie, die sich abhebt, zu etwas Eigenem wird und sich wieder mit Evans findet. Verspielt wie junge Hunde , aber ein Wesen, ein Gedanke. Dahinter schiebt Paul Mortian an den Drums mit dem stetigem Zug einer Maschine; leise, aber »wild entschlossen«.
Es ist wahrlich genug von Jazz-Liebhabern über diese Platten geschrieben worden, was aber nichts daran ändert, daß sie fester Bestandteil jede Gelegenheit sind, bei der ich mich hinsetze und Musik höre. Ein alter Rosenstock, den der Gärtner schon lange aufgegeben hat und der trotzdem immer wieder blüht.
Bill Evans at the Village Vanguard. Drei Auftritte um die Mittagszeit herum, zwei Sets am Abend und zum Glück lief das Tonband mit. Das Publikum ist gar nicht zurückhaltend und lärmt mit Stühlerücken und Bestellungen herum. Was sie wohl zu trinken geordert haben? Das gibt die Aufnahme dann doch nicht ganz her. Ich hoffe, sie haben es genossen und vielleicht war der Eine oder Andere dabei, dem bewußt war, wessen er Zeuge war. 11 Tage nach diesen Aufnahmen starb Scott LaFarro durch einen Verkehrsunfall mit 25 Jahren.


