Alles nicht so einfach – nein, ich war nicht da. Nicht in München, nicht in den Hallen der Megalith-Bauwerken von Lautsprechern, der begehbaren Plattenspieler und Elektronik im Müllcontainerformat.
Auch werde ich da nicht hingehen. Wozu auch?
Alles, was ich tatsächlich gemacht habe, war einen Kommentar unter ein Youtube-Video zum Thema Selbstbau zu schreiben, welcher von einem Pfosten in Menschengestalt mit „Man kann ja selber bauen, aber das wird nie High-End sein“ beantwortet wurde.
Die Antwort ist natürlich blöde – keine selbstgebaute Uhr kann die richtige Zeit anzeigen, kein Flugzeug fliegen oder kein Telephon klingeln.
Na gut: Irgendwann hatte ich mich beruhigt und überlegte, was Pfosten mir eigentlich zu verstehen geben wollte. Ach so, es geht gar nicht um Klangqualität, sondern um kiloweise poliertes Messing und Edelstahl! Ja, dann… kann das Ding auch klingen wie eine frisch renovierte Dampflokomotive.
»…verfügt über ein DLC-beschichtetes SLM-Titangehäuse. So viel Aufwand kostet: [der Hersteller] berechnet für den Apollo mit einem Tonarm und dem noblen MC-System 128.000 Euro«
»…diesem DSP geschieht natürlich die Frequenzgangaufteilung des Vierwege-Konzepts, für dessen Antrieb zwei ebenfalls externe Vierkanal-Endstufen mitgeliefert werden. Der Preis des Gesamtsystems: 368.000 Euro.«
»17.000 Euro das Paar. Ja, das ist eine Stange Geld, aber fürs klanglich Gebotene macht es auf mich einen sehr realistischen Eindruck.«
Zitate aus http://www.fairaudio.de/hintergrund/messebericht-high-end-2024, aber deckungsgleich aus jedem beliebigen anderen Bericht aus München.
»Ausbreitung des Crack: Koks für Arme« Sehr realistischer Artikel aus der ND vom 31.5.24 von Fabian Kunow.
Wer die genannten Preise mit Kopfschütteln zur Kenntnis nimmt, gehört nicht zur Zielgruppe. Das gilt im Hi-Fi wie auch im Gesundheitswesen oder dem ÖPNV. Und genau in diesem Zustand stellen sich diese Institutionen dann auch da.
Hi-Fi ist tot!
Verstorben Mitte der Neunziger, eingeäschert und alsbald vergessen. Diese sogenannte Zielgruppe existiert überhaupt nicht mehr – jedenfalls nicht in Deutschland. Auch die handvoll unerschütterlicher Gallier, die ihre wabbeligen Thorens 150 und jaulenden Lenco L75 mit Herzblut am drehen halten, ändern nichts an dieser Aussage. Oder kennt jemand einen Jemanden im Bekanntenkreis, der einen Klangapperat in der Einsteigerklasse (um die 30.000 €) sein eigen nennt? Wohl eher nicht. Eher trifft man auf die Canton aus den Siebzigern, irgend etwas von Braun – der Deutsche trennt sich eher von seiner Frau als von seinen Lautsprechern. Weil die angeblich weniger altern (dieses Fehlurteil ist unausrottbar).
Und damit kommt man übergangslos zum wichtigsten Punkt nicht auf die High-End zu gehen. Es gibt nichts Neues! Nichts, aber auch gar nichts – nicht das winzigste Detail.
Beispiel Lautsprecher: Irgend ein Hirsch präsentierte dieses Jahr ein Lautsprecher-Chassis mit Elektromagneten anstelle einem aus Alnico, Neodyn oder sonst einem Permanentmagneten. Als Neuheit! Der elektrodynamische Wandler (pat. und gebaut 1878) von Werner Siemens hatte so etwas, weil es noch keine genügend kräftigen Permanentmagnete gab. Vor fucking 146 Jahren! Mit NAVI-Membran. Da schweigt man stille und denkt sich den Retrotech-Speaker in eine mathematisch korrekte Holzkiste (wenigstens die nach halbwegs zeitgemäßer Thiele-Small Mathematik von 1961) und lauscht den Klängen des Grammophons. Neuerdings wieder schwer in Mode, auch wenn Ausführung und Mechanik nicht gerade taufrisch sind.
Es gibt wenig technische Gegenstände, die besser dokumentiert sind als Lautsprecher, Grammophone und Verstärker. Das kann jeder, der sich theoretisch auch nur halbwegs mit der Materie beschäftigt. Ein, zwei Semester Elektrotechnik mögen hilfreich sein, sind aber keineswegs Vorbedingung. Und ein Tonarmlager mit einem Mikrometer Spiel einzubauen ist eine Frage der Mechanik, nicht des Fortschritts und kann für 178.000 € durchaus erwartet werden – wozu auch immer. (Jede Festplatte vom Sperrmüll arbeitet mit geringeren Toleranzen)
Und überhaupt ist es ja eine interessante Frage, warum ausgerechnet Plattenspieler das neue angesagte Spielzeug sind. Wird einem nicht seit 30 Jahren eingehämmert, daß es nicht besser als digital geht? Neuerdings auch in Hi-Res und mit Abtastraten, daß die ICs rot glühen?
Genau wie Röhrengerät und Hornlautsprecher zu schwindelerregenden Preisen. Da tröstet es nur wenig, daß diese Geräte kaum in deutschen Wohnzimmern landen werden. Soviel überflüssiges Geld hat hier kaum jemand. Der BMW- oder Porsche-SUV im Vorgarten genießt hierzulande weitaus größeres Prestige und ist ja auch viel praktischer bei der Parkplatzsuche.
Wenn denn etwas verkauft wird, dann wohl bei (hier passt es endlich einmal) alten, weißen Männern, deren andere Hobbys Ballonfahren, Golf und Haute Cuisine sind. Das fällt dann sogar der Branche selber auf. Man sorgt sich um den »Nachwuchs«, da die unübersehbare Vergreisung der Hobby-Teilnehmer nicht mehr zu übersehen ist. Deswegen gibt es Feigenblätter wie »Sounds Clever«, der Hi Fi-Anlage, die für unter 5000 € erhältlich ist und trotzdem nicht wie ein Dosentelephon klingt. Die späte Erkenntnis, daß nicht nur »die Jugend« keine 40.000 € für ein gesellschaftlich uninteressantes Spielzeug übrig hat. Das hätte einem zwar schon beim Massensterben der Hi Fi-»Studios« in den Fußgängerzonen auffallen können, aber besser zu spät als gar nicht. Und zu spät könnte es tatsächlich sein. Musik und ihre Konsumgewohnheiten haben sich unzurückdrehbar verändert und sind nicht kompatibel mit zentnerschwerem Gerät aus Messing und Edelstahl.
Und so schließt sich der Kreis mit dem eingangs zitiertem Pfosten: High-End 2024, das ist ein (politisch?) motivierter Versuch eines »Wir hier oben, ihr da unten«.
»Aber es wird niemals High-End sein… «
Na Gott sei dank!
Es gibt ja immer noch Musikliebhaber, denen es um die Musik geht und nicht um Heckspoiler, tiefer legen und Alufelgen.